Die Slam-Chronologie

 

Mit den poetry slams fing es 2009 an, als ich mit dem folgenden Gedicht in die Endrunde eines Literaturwettbewerbs gekommen bin. Die letzten/besten 10 mussten den Preis unter sich vor Publikum ausmachen.

Das war damals sehr aufregend und endete leider nicht mit dem ersten Platz. Seitdem aber ließ mich der Gedanke nicht mehr los, Selbstgeschriebenes bei poetry slams vorzutragen.

Das Gedicht von damals ist

 

'Das 11. Gebot' - das sich in der Sammlung 'Nichts als schöne Worte' findet:

 

1. Was war noch gleich das erst' Gebot?

'Ich bin der Herr, dein Gott'?

Nun, der ist lang schon tot.

Wir trug'n ihn zum Schafott.

Überlebt hat dies allein das 'Ich'

als gold'nes Kalb am Grab.

Seitdem zählt einzig noch für mich,

was ich bin, was ich hab'.

 

2. 'Den Namen Gottes nicht missbrauchen',

das schwächste der Gebote.

Wie soll man Leben dem einhauchen?

Wer spricht noch über Tote?

Seh' ich mir die Geschichte an,

die ganze Glaubensszene,

frag' ich: "Wer hält sich daran?

De mortuis nil nisi bene"

 

3. Du sollst den Sabbat heiligen!

Das, man soll nichts verschleiern,

gilt für die Emsigen, die Eiligen.

Ich selbst will lieber feiern.

Ihr Andern bleibt recht gerne rege

ruhig sieben Tag' die Woche.

Und während ich Reichtümer pflege,

plagt Ihr euch unterm Joche.

 

4. Vater und Mutter soll ich ehren?

Helfen die mir noch im Streben,

Gewinn und auch Genuss zu mehren?

Dann sollen sie gern leben.

Doch fall'n sie mir am End' zur Last,

und gibt es was zu erben,

schieb ich sie eilig ab mit Hast.

Ins Heim, wo sie still sterben.

 

5. 'Nicht töten Menschen um dich her!'

heißt's lebensfern daneben.

Das galt nie und gilt nimmermehr.

Wer achtet schon das Leben?

Wir üben uns im Massenmord

mit Waffen, mit Diplomatie

und Menschen sterben andernorts

für Wohlstandsindustrie.

 

6. 'Du sollst nicht ehebrechen!'

Kein klitzekleiner Seitensprung?

Was sollte sich da rächen?

Das gibt der Ehe doch erst Schwung.

Längst wissen wir, nicht erst seit Freud,

Eros heißt die Triebfeder,

für Geltung, Macht, Ihr lieben Leut'.

Danach strebt wirklich jeder.

 

7. 'Fremd' Gut sollst Du nicht an dich reißen!'

Auch das kann ich kaum glauben.

Die Welt lebt nicht vom Glück verheißen.

Die Welt, sie lebt vom Rauben,

von Rohstoffen, von Arbeitskraft,

der Menschen and'rer Länder.

Wo ganze Völker es wegrafft,

tragen wir feine Gewänder.

 

8. Wir dienen fromm der Wahrheit.

Gilt das gemein für jeden?

Wem bringt das denn mehr Klarheit,

dies' 'kein falsch Zeugnis reden'?

Ob wahrhaft ich wohl zu dir bin,

fragst Du mich recht naiv.

Das bleibt verborgen in mir drin

und allzeit subjektiv.

 

9. 'Nicht begehren deines Nächsten Weib'?

Welch Freud' bringt dann das Leben?

Verboten bleibt mir jeder Leib?

Wozu dann all das Streben?

Was bringt mir Reichtum, all die Macht,

will es mir nicht gelingen,

dass jede Frau mir hold zulacht

ganz ohne es zu zwingen?

 

10. 'Sollst nicht begehr'n des Nächsten Rind.

nicht dessen Hof noch Knecht.'

Dabei, das weiß nun jedes Kind,

schützt Jus nicht jedes Recht,

Es gilt das Recht, das man erzwingt,

und das seit Moses Eins.

Wer ehrlich um die Güter ringt,

behält am Ende keins.

 

11. Bislang, das fiel wohl jedem auf,

war'n Verbote die Kunde.

Das einzig Gebot schrieb der Menschen Lauf.

S'ist das Gebot der Stunde:

Willst Du nur etwas ganz für dich,

greif zu! Es wird gelingen.

Und geht's andern gegen den Strich,

musst notfalls Du es zwingen.

 

So häufst Du Güter um dich her,

lässt and're dafür brennen,

wird deine Seele davon schwer,

kannst tausend Gründ' Du nennen:

Den Teufel bemühst Du ganz hell,

dann Pontius Pilatus.

Auf jeden Fall leugnest Du schnell,

es gehe um den Status.

 

So sind wir Opfer dieser Welt,

jeder nach seiner Note,

Den einen bleibt dabei das Geld,

den ander'n zehn Verbote.

 

 

Jahrelang blieb es dann erst einmal bei dem Traum vom Slam, weil ich noch einen kleinen Schubser brauchte. Der kam, als Alexander Schuller mich im November 2013 einlud, an seinem neuen poetry slam 'Hammer Slammer' teilzunehmen. Jetzt gab es kein Selbstvertrösten mehr. Es war Adventszeit und ich hatte doch eine ganz ordentliche Adventsglosse:

 

Erika ist alle

 

Eigentlich freut Herr A sich jedes Jahr auf Weihnachten. Aber dieses Jahr ist es etwas anders. Die Vorfreude will sich nicht einstellen. Vielleicht gab es Weihnachten bereits ein paarmal zu oft. Aber nein, es ist wie jedes Jahr die allzu knappe Zeit für die Vorbereitungen, die eine weihnachtliche Stimmung nicht recht aufkommen lässt.

Advent, adveniunt: ‚Wir gehen darauf zu’. Gehen? Am Ende ist es immer ein Rennen!

Die Weihnachtszeit fängt ja jedes Jahr eine Woche früher an. Dieses Jahr begann sie fast schon, als Herr A gegen Ende der Ferien mit der Familie aus dem Sommerurlaub wiederkam. Es lässt sich demnach ausrechnen, wann der Lückenschluss zum Osterfest erreicht ist. Für Herrn A Grund genug, sich schnöde bis tief in den Herbst hinein zu verweigern und Lebkuchen gar bis in den November hinein zu ignorieren.

Also, Ruhe bewahren! Für den Weihnachtsstress ist noch Zeit genug.
Irgendwann jedoch verirrt sich Herr A dann doch auf einen Weihnachtsmarkt und damit tickt er, der Weihnachtskalender-Count-Down. Zeit der Besinnung und Einkehr? Pustekuchen! Zum Ende des Jahres werden die wenigen Zeitfenster für Erledigungen noch durch Überstunden fast völlig geschlossen. Zum Glück sorgt Birte für die Nikolausgeschenke und bastelt den ‚Kleine-Päckchen-an-der-Schnur-Weihnachtskalender’.

Was also wann einkaufen? Während Herr A selbst noch mit ‚SOS'-Geschenken (Socke-Oberhemd-Schlips) zufrieden ist, will er der Familie mit dem Schenken doch eine Freude machen, denn aus der Bibel wissen wir ja: Geben ist seliger denn Nehmen.

Die schwindende Zahl der Päckchen am Hängekalender gemahnt jeden Tag eindringlicher an die immer weniger werdenden Tage bis zur Bescherung. Und es soll doch eine schöne Bescherung werden, keine schöne Bescherung. Denn eines der wirklichen Highlights des Jahres ist nun wahrhaftig die Freude der Kinder am Baum bei den Geschenken, das Licht der Kerzen, die Musik und die strahlenden Gesichter.

Der Einkaufszettel für die Geschenke steht fest. Er ergibt sich aus den Wunschzetteln. Die Liste ist natürlich länger als die Facilities des deutschen Durchschnittsweihnachtsmannes und macht schon deshalb eine Auswahl erforderlich.

Der Samstag vor dem 3. Advent ist einer der wenigen Tage, an denen Herr A sich in die Rolle als treusorgender Familienvater einbringen kann und er fährt mit Birte zu ‚Spielzeuge-sind-wir’. Schon auf dem Weg dorthin windet sich eine Schlange von der Autobahn bis zum Einkaufzentrum. Endlich auf dem Parkplatz angekommen wird Herrn A der letzte vorhandene Parkplatz vor der Nase weggeschnappt und er muss sich anhören, dass er halt nicht ‚auf Zack’ sei.

Mit von dunklen Vorahnungen umwölkter Stirn fährt er in das Parkhaus.

Herr A erinnert sich in diesen Minuten an einen Traum, den er kürzlich hatte: Nachdem die halbe Republik bereits gecastet wurde, trat er in der Show 'Deutschland sucht den Superpa' auf. In der Vorausscheidung sang er:

Lasst mich ein Held sein, eure Armee!

Bin euer Weihnachtsmann, nicht nur im Schnee.

Bin Gelddruckmaschine, kauf euch was ihr wollt.

Bin Abtreter, Latrine; ich bin euer Gold.

Mach was ihr verlangt,

auch wenn’s keiner mir dankt.“

Die Menge hat frenetisch gejubelt und selbst der Juror aus Rosengarten murmelte: „De-er Ke-erl hat wäs!“

Im Glamour-Glitzern des Einkaufszentrums angekommen sieht man vor lauter ufo-großen Adventskränzen die Firmenlogos der Geschäfte kaum mehr. Das Gedränge auf dem Weg zum Spielzeugladen schreit immer lauter: ‚Weg hier! Raus hier!’ (Es gibt Untersuchungen darüber, dass Männer schon beim normalen Shoppen einer Stressbelastung wie ein Jet-Pilot in einer Kampfsituation ausgesetzt sind).

Spielzeuge-sind-wir’ ist erwartungsgemäß gerammelt voll. Einkaufswagen sind sämtlichst vergriffen. Andererseits... wie soll Herr A auch mit solch einem Vehikel bis in die letzte hinterste Ecke des baumarktgroßen Ladens kommen? Denn dort wartet der erste Posten von Davids Wunschzettel, die Ritterburg von ‚Spiel-Mobil’ zum Preis einer ‚All-in-one-Scanner-Fax-Drucker-Kombination’, die Herr A sich eigentlich zu Weihnachten statt der üblichen SOS-Kombination wünscht. Nachdem sie sich durchgekämpft haben, lassen ihnen die Ausmaße der Verpackung leider keine Wahl. Ohne Einkaufswagen geht es nicht. Also zurück zur Kasse. Vielleicht ist ja gerade so ein Wagen frei geworden. Doch Fehlanzeige! Auf dem Rückweg zu Birte steht solch ein Gitterwagen da, leer, herrenlos. Normalerweise tut Herr A soetwas nicht, aber - Wink des Schicksals, rechtfertigender Notstand - egal, jetzt war der Wagen seiner!

Noch ein paar weitere Jungenwünsche werden abgehakt und dann geht es in die überwiegend rosafarbene Mädchenecke. Ein paar Meter und hektische Augenblicke später, die Herrn A halsbrecherische Manöver wie im Autoscooter abverlangen, halten Herr A und Birte die Nummer 1 auf der Wunschliste in der Hand: Eine große weiße Katze mit blauen Augen und Wimpern wie Naomi Campbell. Herr A ist erleichtert, dass auch Birte diese Mischung aus Entsetzen und Angewidertsein im Blick hat. Was aber stattdessen nehmen?

Grausam, nicht wahr?“, hört Herr A eine Stimme hinter sich. „Ja“, sagt er und meint nicht nur die Katze. Die Frau fragt, ob sie nicht Erika gesehen hätten. Die Verwirrung ist Herrn A wohl in die gelupften Augenbrauen gestanzt, denn die Frau zeigt auf die Bataillone von Barbie-Puppen, und Herr A versteht: Die Figuren aus dem neuesten Barbie-Video.

Arnold S. aus K. kommt Herrn A in den Sinn, wie er sich in ‚Versprochen ist versprochen’ muckibudengestählt durch die vorweihnachtlichen Geschäfte kämpft, um für seinen Sohn die versprochene aber überall ausverkaufte Spielfigur zu ergattern. Herr A begreift die Dramatik, ja Tragik der Situation, die offenbar auch schon Hollywood inspiriert hat.

Eine andere Frau durchsucht mit traurigen Augen die Regale, sieht Herrn A und Birte an und murmelt kraftlos: „Erika ist alle.“ Wir nicken verstehend, wissend, dass die Frau nicht Erika heißt, wissend, wie es in ihr aussieht.

Und in diesem Moment vor diesem Regal bei ‚Spielzeuge-sind-wir’ findet Weihnachten statt, verbrüdert sich ein Häuflein erschöpfter und entmutigter Eltern bei dem einen Satz ‚Erika ist alle’.

Und irgendwie fühlt sich der Satz so an, als wenn er das ganze Kontinuum einer Adventszeit umschreibt, wie sie nicht sein soll.

Advent? Wir gehen nicht auf Weihnachten zu. Wir jagen, drängeln, schubsen und ...torkeln am 24. über die Ziellinie, um dann festzustellen: ‚Erika ist alle’.

Und Erika sind irgendwie wir alle.

 

Die Lacher kamen an der richtigen Stelle, Applaus, strahlende Gesichter. Dann die Stimmenabgabe und die Spannung der Auszählung. Das Ergebnis: Auf Anhieb der 2. Platz!

Ich war so überwältigt, glücklich, voller Adrenalin. Es dauerte lange bis ich an diesem Abend einschlafen konnte.

 

 

Vegan macht ja sooo glücklich...

...und Fleisch ist geil.

 

Herr A hat neuerdings Anlass, sich Gedanken über gesunde Ernährung zu machen.

Ist jemand da, der sich noch an Herrn A erinnert?

Also Herr A könnte auch 'Jedermann' heißen, wegen der Tragik , die seinem Leben manchmal anhaftet. Auch 'Faust' würde passen, weil er die manchmal in der Tasche macht. Aber er heißt A wegen Birte, seiner Frau, Charlotte, seiner Tochter, und David, seinem Sohn. Zu einem E hat es nicht mehr gereicht...

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind übrigens zufällig, nicht gewollt und trotzdem unvermeidbar.

 

Auch wenn Herr A sich in der Nahrungskette bescheiden hinter Krokodilen, Haien und Tigern einordnet, so ist er doch Fleischesser. Gern weist er Verfechter rein pflanzlicher Kost auf die Stummel von Reißzähnen hin, die nicht auf Vorfahren aus Transsilvanien, wohl aber solche hinweisen, die nicht nur Sammler, sondern auch Jäger waren. Fleisch... und rein vegetarisches Essen. Zwei unauflösliche Antipoden, die sich wie Yin und Yang umkreisen und nicht zu emulgieren vermögen?

Herrn A widerstrebt der Gedanke an unauflösliche Gegensätze. Dialektisches Denken ist ihm vertrauter.

Nun hat er aber eine Tochter, Charlotte, und einen Sohn, David. Die eine ist Vegetarierin, der andere ist durch wenig glücklicher zu machen, als durch ein saftiges Steak. Herr A und seine Frau Birte stehen da etwas ratlos zwischen den Fronten. Dabei wissen alle vier in der Familie um gesunde Ernährung und den Wahnwitz der modernen Fleischproduktion.

Bekanntlich bleibt keine Backe heil,

kommt der Metzger mit dem Hackebeil.

Fragen tun sich auf, grundlegender als die der Entscheidungen zwischen I-Phone und Samsung-Galaxy, zwischen Pilcher und Iron-Man. Es sind grundlegende Fragen: Gilt das Gebot 'du darfst nicht töten!' nur für die Fauna?

Ist das Jüngste Gericht vegan?

Wie können Vegetarier und Veganer beim Abendmahl das Blut und das Fleisch Christi teilen?

Glauben Vegetarier und Veganer an die Wiederauferstehung des Fleisches, oder dies nur im Zusammenwirken mit Viagra?

Wird Gammelfleisch durch Gammeldansk genießbar?

Religiös muten diese Fragen an, die mit der Ernährung zusammenhängen. Jedenfalls haben sie eine moralische Komponente, die über die Frage hinausgeht, sich zwischen Backfischen und jungem Gemüse entscheiden zu müssen.

Und so haben Herr A und und Birte es sehr ernst genommen, als ihre Tochter sich entschloss, vegetarisch zu leben.

Fühlten die Fleisch fressenden Familienmitglieder sich anfangs noch in die Defensive gedrängt, merkten sie doch recht bald, dass Charlotte ihren missionarischen Eifer bald ablegte. Während sie ihrem Bruder zunächst - ideologisch linientreu - Unterstützung von Tierquälerei vorwarf, wies er auf ihre jahrelange Vorliebe für Thunfisch hin und hielt Vorträge über gefährdete Arten. Aber solche Geplänkel zwischen ihr und ihrem steak- und schnitzelvernarrten Bruder verblieben bald.

Rechtfertigungszwänge, so merkten sie schnell, entsprangen eher dem eigenen Bewusstsein, es mit dem Fleischkonsum tatsächlich zu übertreiben.

Psychologen nennen es eine Projektion, wenn man eigene Bedenken anderen unterschiebt. Und Herrn A fiel bei näherem Nachdenken tatsächlich niemand der ihm zahlreich bekannten Pflanzenköstler ein, der ihm inquisitorisch mit tierischen Hasstiraden auf die Frühstückseier gegangen wäre. Es ist das Wissen um die eigene Unvernunft, das Fleischessern den Fleischkonsum gallig macht. Sie reagieren wie Raucher, die schon das kleinste – natürlich demonstrative - Hüsteln in Rage bringt. Das solcherart ausgelagerte Gewissen treibt das gesamte Wahlvolk beim Reizwort (wir erinnern uns!) Veggieday in der Wagenburg der Wurstkonservativen. Sie sehen ihre Burgerrechte in Gefahr und schießen auf alles, was grün ist. Ja, mit solchen Reflexen lassen sich wahrhaftig Wahlen gewinnen und das in einem Land, in dem bei jedem Spülmaschinengang mehr Kalorien durch den Abfluss rauschen, als in manchem Land auf dem Teller landen.

Nach dieser grundlegenden Einsicht ließ Herr A die wenigen belehrenden Worte seiner Tochter gleich Samen auf fruchtbaren Boden fallen. Ideen zur Umstellung auch seiner Ernährung keimten und sprossen. Kochrezepte schossen ins Kraut. In Körben und Kühlschrankfächern rankten und wucherten Obst und Gemüse.

Ein veganes Mekka entfaltete seine Pracht.

Dafür ertrug Charlotte es stoisch, wenn wir für David Aufschnitt kauften und Steaks in der Pfanne brieten.

Nicht mehr ganz schlank schielte Herr A wohl auch wenig auf die gesund scheinende Formel:

'weniger Fleisch = schlankerer Leib und dickerer Geldbeutel'. Denn er wusste:

Ess ich abends fein Mett, ist es morgens mein Fett.

Aber es half auf Dauer nichts.

Während Charlotte bewundernswert durchhielt, schweiften Herrn As und Birtes Blicke immer öfter auf Davids Teller. Der nämlich hatte gebratenes Hack in der Gemüsepfanne. Bei ihm lagen Putenschnitzel oder Rindersteaks neben Reis, Kartoffeln und Broccoli. Die ganze Vielfalt halt. Und es duftete verführerisch.

Fleisch ist geil. Ganz gleich, ob es der schnelle Quickie mit dem Burger, oder das Vier-Gänge-Menü ist. Fleischeslust ist Sex und vegane Askese ist Religion.

Wenn fleischloses Essen aber christlicher ist, schöpfungsbewahrender, so überlegte Herr A, sind dann Vegetarier evangelisch und Veganer katholisch?

Sind Frutarier dann die Calvinisten unter den Pflanzenköstlern?

Herr A bemerkt, wie seine Gedanken sich mit den Fleischdüften von Davids Teller wie bei einer Marihuanapfeife vernebeln. Er denkt an Yin und Yang.

Liegt der Ausweg aus dem Dilemma, die Versöhnung der Fleischesser mit der Schöpfung und mit sich selbst, in der Dialektik? Gibt es einen goldenen Mittelweg, ein 'sowohl als auch', statt des strengkatholischen 'entweder oder'? Dialektik heißt: These – Antithese – Synthese. Wenn Fleisch Sex ist und Fleischverzicht Religion, ist dann die Synthese synthetisches Fleisch, der Placebo für Fleischesser? Herr A wischt den Gedanken unwillig beiseite.

Etwas anderes fällt ihm ein.

Als religionsinteressierter Atheist, denkt er an den wenig asketischen und eher lebensbejahenden Luther.

Der hat auf die Frage nach der Fleischeslust, also der Frage, wie oft es denn angezeigt sei, ehelichen Pflichten nachzugehen, „in der Woche zwier, schadet weder ihm noch ihr“ geantwortet. Also zweimal.

Ein Lächeln stiehlt sich auf Herrn As Lippen, als er von Birte zu Davids Teller hinsieht. Auf den Fleischkonsum gemünzt könnte das doch heißen:

In der Woche vier schadet weder Mensch noch Tier.

Das wäre mehr als der Veggieday und kein wirkliches Opfer.

Der Gedanke hat doch was, oder?

 

 

      Klischees

 

Wenn wir etwas gern pflegen, dann sind das Klischees, oder ihre verkommenen Verwandten, die Vorurteile:

Italiener sind ohne Hände stumm. Bei Russen gehört Wodka zu den Grundnahrungsmitteln. Deutsche sind humorlose Workoholics und Amis Waffennarren, die sonntags in der Kirche mit verklärtem Blick 'Schwerter zu Pflugscharen' predigen. Schweizer sind nur beim Thema Geld für die Integration. Banker sind Wanker, Blondinen doof, Pfaffen pädophil und Politiker korrupt, oder umgekehrt. Man kommt da ja langsam nicht mehr mit.

 

Ja, Klischees sind eigentlich abgegriffen und langweilig.

Obwohl... Es gibt Klischees, die uns Menschen seit Urzeiten beschäftigen. Wie das Klischee: Männer und Frauen passen nicht zusammen.

Aber sie finden doch immer wieder zusammen. Andernfalls gäb's uns ja nicht.

Dabei gibt es auch Nachteile der geschlechtlichen Verbindung, mit deren Bewältigung Heerscharen von Soziologen, Psychologen und Fachärzten für venerische Krankheiten, jedenfalls jetzt im Karneval, beschäftigt sind.

Es gibt auf dem Feld wirklich ein paar Probleme:

Liebeskummer bringt uns auf Selbstmordgedanken, Eifersucht gebiert Othellos und Xanthippen. Und testosterongepeitschte Machos verfestigen Rollenklischees.

Hat man trotz all dieser Widrigkeiten dann doch einen Partner gefunden, verpflichten sich viele dieser Glücklichen per Vertrag, diesen Vorteil bis zum Lebensende zu sichern, wovon die oben nicht genannten Anwälte und Scheidungsrichter hervorragend leben.

Alles gipfelt schließlich in dem platten Satz: ‚Männer und Frauen passen nicht zusammen, außer an einer... ' Na, lassen wir das!

So vielfältig und einschneidend diese Nachteile allesamt sind, wurde die Verbindung von Mann und Frau doch nie in Frage gestellt - außer vielleicht von der katholischen Kirche. Ist auch unsinnig. Aber seitdem Cloning keine Science-Fiction mehr ist, ist unbefleckte Empfängnis möglicherweise gar nicht so abwegig. Schließlich gibt es in der Natur auch andere Vermehrungsprinzipien. Schnecken und viele andere Mollusken sind Zwitter. Eine Konstellation, die für manchen vielleicht ihre Reize hat. Auf den Menschen übertragen hieße dieses das Ende von Sexismus und reaktionärem Feminismus. Schließlich wäre das gegenseitige Verständnis uneingeschränkt, wenn jeder Mensch Mann und Frau sein könnte.

Einzeller wiederum vermehren sich durch Zellteilung.

Algen, Amöben und Pantoffeltierchen haben daher keinen Sex; menschliche Pantoffeltierchen im übrigen auch nicht.

Und hier offenbart sich auch schon die Horrorvorstellung: Wer möchte schließlich schon ein Pantoffeltierchen sein? Anders ausgedrückt, wer möchte - eingedenk aller Nachteile - auf das, was die Natur nun einmal so eingerichtet hat, verzichten? Schließlich wissen wir: Nur Fliegen ist schöner.

Solange uns das Thema Nr.1 so sehr beschäftigt, wird die künstliche Befruchtung wohl die Ausnahme bleiben und den In-vivo-Freuden nicht den Rang ablaufen.

 

Nicht umsonst gibt es diese gegenseitige Anziehungskraft.

 

Was zu neuen Klischees überleitet:

 

Frauen haben die Haare schön, können nicht einparken, sind sanftmütig und haben... kräftigere Hintern.

Klischees halt.

Ich kenne Frauen, die astrein Auto fahren können, die eiskalt kalkulieren, wenn es um ihre Interessen geht, die auch nicht immer die Haare schön haben, aber... dicke Hintern.

Dabei muss ich bekennen: Ich kenne sie nach wie vor kaum, die Frauen. Ich hatte die vage Hoffnung, durch das Heranwachsen meiner Tochter die eine oder andere Erkenntnis zu erlangen. Aber ach, nein, keine Chance!
In einem überwiegend von Männern geprägten Haushalt aufgewachsen habe ich Frauen zumeist als fürsorglich, lebensklug und warmherzig kennengelernt. Im Fernsehen gab es ebenfalls treusorgende Mütter und Ehefrauen. Meine Mama, die Tanten und auch die meisten Lehrerinnen waren voller freundlicher Zuwendung.

Kein Gedanke, dass Frauen anders sein könnten. Wenn meine Mutter einmal außerhalb der Küche zum Holzlöffel griff, dann weil sie ihrer vier Söhne nicht anders Herr wurde.

Männer waren in meiner Welt meistens abwesend, weil zur Arbeit. Ansonsten waren sie Bestimmer, gelegentlich Rüpel, manchmal Säufer und Machos.

So pflegt halt jeder seine Klischees, oder lässt sie sich aufzwingen.


Mädchen und junge Frauen waren für mich in erster Linie schön, anmutig, grazil (auch wenn es damals schon Ausnahmen gab), einfühlsam (das galt auch für die Ausnahmen) und mir oft genug zugetan (auch da bildeten die Ausnahmen keine Ausnahme). Ich war entsprechend früh verliebt und schmachtete schon als Elfjähriger der sechszehnjährigen Irmela hinterher.
Nichts trübte meine Sicht auf Frauen, nicht einmal erste Streitigkeiten in Liebesdingen.

Aber irgendwann war 'Kabale und Liebe' nicht mehr nur Literatur. Und ich lernte die dunkle Seite dieser Macht kennen. Erstmals offenbarte sie sich mir in Form dieser erbarmungslosen Aggressivität in Mutter-Tochter-Beziehungen. Frauen wissen, wovon ich rede. Ich habe schon damals nicht verstanden, wie das weibliche Geschlecht mit so wenig Testosteron ausgestattet so gnadenlos sein konnte.
Die Alabasterfigur bekam nach und nach kleinere Risse.
Viele Jahre später lernte ich noch einiges über Frauen durch die Freundinnen meiner Tochter...

Nun, beschreiben wir es so: die Mädchen von heute haben überwiegend nicht mehr viel mit den scheuen und verletzlichen Nymphen meiner Jugend zu tun. Da ist nichts geblieben, was den Beschützerinstinkt weckt. Vielmehr sucht man(n) Schutz vor unkontrollierbaren - zum Glück nur gelegentlichen - Wutausbrüchen.

Heute ahne ich, was meine Freunde meinten, wenn sie sich über ihre älteren Schwestern beschwerten.
Sicher, ich kannte auch damals Lucy von den Peanuts (Kennt die heute noch jemand?). Na, jedenfalls, die war wirklich vernichtend gehässig.

Und ich schwärmte für Emma Peel, selbstbewusst, flirtig und in jeder Beziehung schlagfertig... in ihrem engen Lederoutfit...

 

Konnten diese Elfen meiner Jugend wirklich zu Furien werden?

Ich hätte schon frühzeitig darüber stolpern müssen, dass in Märchen die Bösen fast immer neiderfüllte Stiefmütter, eiskalte Schneeköniginnen, oder verschlagene Hexen waren.


Und Mütterlichkeit, Fürsorge und emotionale Wärme? Heute werden solche wehmütigen Erinnerungen als chauvinistisch gebrandmarkt.

Vieles von dem, was mich lange Zeit denken ließ, Frauen seien die bessere Hälfte der Menschheit, ist leider perdue. Klischees halt!
Das schöne Äußere, das mich schon früh schwärmen ließ, wird natürlich noch immer kultiviert. Wer kennt das nicht, wenn das hektische Hit-the Ground-Hämmern harter High-Heels über den Asphalt klackert und man schon genau weiß, wer einen da zielstrebig überholt. Frauen, die ihr Äußeres zur Waffe geschmiedet haben. Diese schöne Hülle hat schließlich diverse Vorteile, bis hin zu dem Effekt, unterschätzt zu werden und Mitbewerber umso kälter zu erwischen.
Äußert man solche Gedanken laut, kann es passieren, dass man kaum mehr als ein knappes 'heul doch!' zu hören bekommt.


Trotzdem bleibt es ein Rätsel, wie diese Wandlung von der Nymphe zur Medusa zustande kommt. Testosteron kann der Schlüssel nicht sein. Denn das ist ja das männliche Teufelszeug, das Gewalttsunamis entfesselt. Das wir Männer beherrschen lernen müssen, bevor man uns auf die Menschheit los lässt.

Ist es also diese spezielle und in der Zusammensetzung laufend schwankende Mixtur aus Hormonen, die Frauen mal liebebedürftig und mal reizbar sein lässt?

Oder ist es der sogenannte Balken, die Verbindung zwischen den Gehirnhälften, die bei Frauen ausgeprägter ist, als bei Männern? Dieser Balken steht im Verdacht, dafür zu sorgen, dass die linke, die Verstandesgehirnhälfte mehr emotionales Feuer von der rechten bekommt, die wiederum für Impulsivität, Empfindsamkeit zuständig ist und bei Frauen manch emotionale Blutgrätsche zur Folge haben kann, wo eben noch ruhige Sachlichkeit herrschte.

Ich spüre förmlich, wie schmal der Grat ist, auf den ich mich gerade traue. Wie er sich bei diesen - nicht nur stillen - Gedanken zur Schneide eines Samuraischwertes verengt. Gedanken, die mich schnurstracks in die Chauvi-Ecke katapultieren.

Zum Glück sind das alles nur Klischees.

Deswegen können Frauen bei solcherart Gedanken auch ganz gelassen schmunzeln. Jedenfalls diejenigen, die früher lieber mit Jungs gespielt haben.
Für Männer, für die das keine Klischees sind, wäre es die Hölle, derart Emotionen unterworfen zu sein. Sie trauen sich nur nicht, dies laut zu äußern.

All diese Männer haben Erfahrungen mit Streitigkeiten, die als knapper Austausch von Infos gedacht waren und damit auch ihr Bewenden hätten haben können.

Wenn, ja wenn nicht an irgendeinem Punkt, den kein Mann im Nachhinein mehr festmachen kann, die Sachebene in die Beziehungsebene kippt. Einmal in Fahrt gekommen wird aus dem gar nicht bemerkten Stein des Anstoßes eine Lawine, die Mann und Maus mit sich reißt, bis man(n) nicht mehr weiß, wo oben oder unten, was richtig oder falsch ist. Es gibt dann nur noch eins, was wichtig ist, dass es aufhört. Was immer man(n) eben noch besprechen wollte, steht dann ganz hinten auf der Agenda und bleibt besser dort.

Soweit die männliche – ganz sicher klischeehafte - Sicht der Dinge.
Gesegnet mit einer Tochter ist mir hin und wieder die weibliche Sicht zuteil geworden. Sie gipfelt in einem einzigen Spruch: „Ihr Männer könnt froh sein, dass wir Frauen nicht auch noch solche Muskeln haben wie ihr.“

 

Was bin ich froh, dass das alles nur Klischees sind.

 

Ersparen wir uns daher all diese dogmatisch überfrachteten psycho-sozialen und neurophysiologischen Betrachtungen und erhalten uns das Mysterium, den Reiz des Unerforschten am anderen Geschlecht.


Das Vater- und Mannsein bleibt eine Herausforderung.

Und Herausforderungen sind doch unser Thema, Männer, oder?

 

Wieder so ein Klischee!

 

 

Aufklärung

 

Mama,“ David wendet sich beiläufig beim sonntäglichen Frühstück an Birte, „wir haben doch jetzt Sexualkunde. Ich brauch’ da noch ‚nen neuen Hefter!“ Neugierig lasse ich meinen Blick von einem zum anderen schweifen. Birte nickt. Charlotte spielt mit ihrer Serviette herum und zuckt bei dem Wort ‚Sexualkunde’ nicht einmal. Erst etliche Sekunden später, sie hat die Serviette gerade vollständig entfaltet, höre ich: „Se-xu-al-kun-de?“ und dann „Kchch“, ein kurzes ersticktes Kichern. Übergangslos wird sie wieder ernst und frühstückt weiter. Birte und ich sehen uns an. Thema durch!

Thema durch? Bei David schon, der wurde mit sechs Jahren aufgeklärt. Gut so! Denn was bei ihm als Drittklässler an Witzen kursiert, darf manche Großmutter nicht zu hören bekommen. Es sind dieselben Witze, die bei schon bei uns, wenn auch in höheren Klassen, kursierten, halt die mit dem schlimmen Wort mit ‚F’.

Ich bin seinerzeit eher direkt als kindgerecht oder gar behutsam von meinen großen Brüdern und Klassenkameraden durch eben diese Witze aufgeklärt worden. Von den Eltern? Nichts! In der 5. Klasse bekamen wir dann ohne begleitenden Unterricht eine putzig bebilderte Fibel in die Hand: ‚Wo kommen die kleinen Buben und Mädel her?’ Ja, sie hieß wirklich so und war für die damalige Zeit schon sehr informativ (und damit möglicherweise indexgefährdet?). Den Rest musste ich mir in der Pubertät selbst erarbeiten, wobei neben learning by doing die viel belächelte ‚Bravo’ und das Bahnhofskino nicht zu unterschätzen waren. Dort liefen Filme wie ‚Alpenglühen im Dirndlrock’, 'Unterm Röckchen stößt das Böckchen' und 'Wo der Wildbach durch das Höschen rauscht'. Solche und andere bescheuerte Titel, über die wir Teenies uns noch Jahre später beömmelt haben.

Will man das seinen Kindern ersparen, bleibt nicht viel mehr, als sie selbst aufzuklären. Nur wann ist der richtige Zeitpunkt? Gut, das Alter ist keine Frage. Es vor sich herschieben bis zur Vorpubertät wäre nämlich der größte Fehler, denn schon mit der Einschulung prasseln die ersten Sprüche, wie ‚Hose runter, Beine breit, F... ist ‚ne Kleinigkeit’ auf die Kinder herein. Kein Scherz! Der Reiz des Verbotenen macht Sprüche, in denen das Wort mit ‚F’ vorkommt, natürlich unwiderstehlich. Das gilt umso mehr, wenn die Erwachsenen entsprechend pikiert reagieren. Neulich nahm David mich in verschwörerischem Ton beiseite und flüsterte mir zu: „Das Gras steht hoch, man kann kaum blicken. Das ist die beste Zeit zum...“ „Blumenpflücken“ schnitt ich ihm grinsend das Wort ab. Entwaffnet, Thema durch! Abgespeichert und als reizvolle Variante zum Erzählen bei seinen Kumpels wiederverwendbar. David ist schon aufgeklärt. Er kann solche Schnacks einordnen, ohne falsche Vorstellungen zu entwickeln. Aber Charlotte? Sie ist jetzt sechs Jahre alt und auch schon in der Schule. Wäre es da nicht an der Zeit? Andererseits hat es keinen Sinn, Kindern etwas erklären zu wollen, wenn sie nicht selbst aus Interesse danach fragen. Entsprechend schwer ist es, den richtigen Zeitpunkt abzupassen.

David war ebenfalls sechs Jahre alt und voller Fragen über die Welt und ich war ziemlich aufgeregt als ich mir vornahm, ihn aufzuklären. Bei einer Radtour fragte er mich dann, warum es weiße Wale gebe... Die Chance: Genetik! Vererbung! Ich spannte glanzvoll den Bogen über Erbfehler zu deren Entstehen beim Zusammenkommen von Erbmerkmalen von Vater und Mutter. Zugegeben, ich habe seine Geduld und Aufmerksamkeit schon sehr in Anspruch genommen als ich zu den Gründen der ihm ja bekannten anatomischen Unterschiede zwischen Mann und Frau kam, die Vereinigung und die Beziehungen zwischen Liebe und Sexualität erklärte. Es zog sich über die gesamte Länge der Radtour hin. Seine entgeisterte Frage: „Habt ihr das auch gemacht?“, zeigte mir immerhin, dass er zuhörte. Als wir vor der Tür ankamen, hatte ich das erleichterte Gefühl, es endlich geschafft, ihm alles - einfach und kindgerecht aber umfassend - erklärt zu haben. Und als ich dann nachhakte, ob er noch etwas wissen wolle, meinte er nur: „Kann ich jetzt an den Computer?“.

Nun steht uns diese Aufgabe wieder bevor, denn erst gestern fragte Charlotte: „Was heißt eigentlich ‚fuck you!’? Birte antwortete lakonisch: „F... Dich!“ „Aha!“, kam es knapp und sachlich zurück. Damit war das Thema schon durch. Erst mal!

Vielleicht weiß Charlotte schon alles und will uns nur nicht mit Fragen belasten. Vielleicht aber hat Birte ohnehin das bessere Händchen dafür und das feeling für den richtigen Zeitpunkt. Vielleicht ist damit das Thema ja für mich durch.

 

 

 

 

Supergeil

 

Zuerst wollte mir zum Thema 'supergeil' nichts rechtes einfallen. Meine Tochter hatte dann eine tolle Idee: „Sag doch einfach: "Supergeil? Ich!“

Aber das wäre wohl der kürzeste Beitrag aller Zeiten in einem poetry slam geworden. Zum Glück ist mir dann doch noch etwas eingefallen.

Also, zurücklehnen! Entspannen! Es wird jetzt etwas lyrisch und trotzdem supergeil:

 

Su-u-ummer-time, and the livin’ is e-e-easy.’

Ein Hauch von Südstaaten weht mit der Melodie durch den Garten, steigt mit der Hitze hoch in die Bäume über mir und vermischt sich mit dem Zirpen der Grillen. Ich wiege mich sachte in der Hängematte und blinzele in die Kaskaden von Sonnenlicht zwischen den Blättern. Ach, könnte es nicht immer so sein? Ruhe, Muße, Sommer und gute alte Musik!

Ein Anflug von schlechtem Gewissen wird ärgerlich weggewischt. Birte ist mit den Kindern in der Stadt und irgend etwas Liegengebliebenes sollte ich sicherlich erledigen. Na und? Nicht jetzt.

Meine Arme hängen aus der Hängematte. Die flachen Hände streichen bei jedem Schwung über die Spitzen des Rasens und der Himmel ist blau, sooo blau.

Mahalia Jacksons Stimme schwebt über dem Rasen und lässt den Mississippi träge an mir vorbeifließen. Agonie, des Schlafes kleine Schwester, spinnt mich unmerklich in ihren watteweichen Kokon.

Kurz vor dem Wegdösen denke ich noch: “Einfach mal abhängen. Geil!“

Ding-dong’. Es klingelt an der Tür. Nur von Ferne dringt das Geräusch zu mir. Es kostet keine Kraft, den Reflex zum Aufstehen zu unterdrücken.

Eine Gestalt - mir sehr ähnlich - löst sich aus mir und geht durch das Haus zur Tür. ‚Herr A’ denke ich beruhigt. Wie immer korrekt gekleidet.

Mein Kopf sinkt zurück. Ich lausche.

Eine Frauenstimme spricht Herrn A an: ‚Guten Tag, ich bin die Öffentliche Meinung. Was fällt Ihnen in Zeiten von 'Geiz ist geil' zum Thema 'supergeil' ein?’

Wie meinen Sie?“, erwidert Herr A etwas gestelzt.

Wir machen eine Umfrage über das Lebensgefühl in Familien. Was ist in Ihrem Leben als Familienvater noch wirklich geil?“

Komm schon, A, schick sie weg!“, denke ich unwillig.

Wenn Geiz geil ist“, höre ich mein alter ego, „ist dann Schweiz supergeil?“

Spinnt der? Allmählich löst sich der Kokon auf, der Mississippi versiegt. Jetzt bin ich aber gespannt!

Oder ist Superman supergeil, wenn er Lois Lane sieht?“

Herr A fährt großtuerisch fort: „Heutzutage wird ja nur noch in Superlativen gedacht. Alles ist geil, fett, krass oder eben supergeil, was früher außergewöhnlich, unglaublich, hervorragend, glänzend, grandios oder einfach herrlich war.“

Oh Gott, er doziert schon wieder.

Zu dem Thema fallen mir eigentlich nur Schlaglichter ein: Von der Golden Gate Bridge spucken und die Sekunden bis zum Auftreffen zählen. Echt supergeil. Es sind übrigens 11 lange Sekunden.“ Der Klang seiner Stimme ist mit einem Mal aufgekratzt, fast begeistert. „Über einem Riff schnorcheln. Unglaublich! Mit dem Colossus im Heidepark Beinahe-Astronauten-Training absolvieren. Voll krass! Von einer Maya-Pyramide über den Dschungel Yucatans blicken. Me-ga-geil! Eine weiße Yacht in der Karibik, die in kristallklarem Wasser schwebt. Überirdisch!“

Herrn As Redeschwall lässt mich wieder wegdämmern.

 

David ist jetzt für ein paar Monate in der Welt unterwegs. Erinnerungen an meinen eigenen Aufbruch ins Erwachsenenleben drängen in meine Träume.

Eine weiße Yacht in der Karibik... ein paradiesisches Bild.

Wie war das noch – damals?“, frage ich mich, bevor ich endgültig in meine Träume abgleite...

Ich war Kapitän meines Lebens geworden. Endlich selbständig! Endlich hinaus in die Welt! Ich hatte das Kommando über ein wunderschönes weißes Schiff, die ‚Bachelor’. Vor mir lag das weite Meer, der endlose Himmel, Delphine vor dem Bug. Herrlich!

Die Enge des heimatlichen Hafens war Vergangenheit.

Große Aufträge führten mich über alle sieben Meere. Auf dem Kurs lagen die Wunder dieser Welt, der Karolinengraben, der Mariannengraben, die Jungferninseln, die Freuden der Südsee. Alles war su-per-geil!

Einmal im Jahr machte ich einen Abstecher auf die Weihnachts- und einmal auf die Osterinseln. Dann lud ich den Seesack ab und fuhr wieder mit frisch gebügelter Kapitänsuniform über alle Meere.
Das Leben war frei und ich war Herr auf der 'Bachelor'.

Eines Tages lernte ich eine tolle Steuerfrau kennen und ließ sie auf meinem Schiff mitfahren. Der Reeder gab zu bedenken, dass der Euro dann nur noch 50 Cent wert sei. Aber auf den Gesellschaftsinseln riet man mir, die Steuerfrau auf Dauer anzuheuern. Das gehöre zu einem Schiff einfach dazu. Die 'Bachelor' wurde umgetauft in 'Marriage'.

Meine Steuerfrau half mir, so manchem Sturm auszuweichen. Aber sie hielt mich auch davon ab, Ausflüge zu den Jungferninseln zu machen. Gelegentlich gab es Streit um den richtigen Kurs, vor allem darüber, wann welche der Weihnachts- und Osterinseln angelaufen werden sollten. Ich dachte an die alte Seefahrerweisheit ‚Frauen an Bord bringen Unglück’. Aber sie stellte sich zum Glück nur selten als richtig heraus.

Eines Tages sagte die Steuerfrau, dass es gut sei, einen Schiffsjungen und danach auch noch eine Leichtmatrosin an Bord zu nehmen.

Auf den Salomoninseln, wo ich mir Rat einholte, bekam ich die wenig salomonische Auskunft, ein Schiff ohne Besatzung sei halt kein Schiff und auf den Gesellschaftsinseln werde es auch mehr Anerkennung geben.

Also hieß ich die neuen Besatzungsmitglieder willkommen.

Nun aber bekam ich zu spüren, was es heißt, ein Ausbildungsbetrieb zu sein. Vor allem bemerkte ich schmerzlich, dass von der Heuer nicht mehr viel übrig blieb.

Das Leben war halt keine Kreuzfahrt mehr.

Der Bordalltag jedoch war dafür kurzweilig, reicher und voller neuer schöner und skurriler Abenteuer. Ich war ein glücklicher Kapitän...

 

Herrn As Stimme reißt mich aus meinem Traum und bringt mich wieder zum Zuhören.

Nun, ja“, Herr A scheint nachzudenken, „Familie ist schon toll, ob man jetzt su-per-geil sagen sollte.... Verrückt nicht wahr, dass ausgerechnet die Kinder, das Tüpfelchen auf dem i der Liebe und Gemeinsamkeit, quasi deren Destillat, auch Sorgen und Beschwernisse mit sich bringen!“

Sieh an, Herr A, ein Philosoph! Und das an solch einem unbeschwerten Tag.

Wenn ich es recht bedenke,“ - woher hat er nur diese Gestelztheit? - „so richtig toll ist das Glück meiner Tochter Charlotte, wenn sie reitet, tanzt oder singt. Sie hat gerade in einem Tonstudio ihren ersten Song abgemischt. Mega-Geil! Oder wenn mein Sohn David auf der Gitarre virtuos 'Highway to hell' oder 'Nothing else matters' von Metallica spielt und er zusammen mit Charlotte dazu singt. Das ist echt grenz-geil! Dann stimmt der Titel: 'Nothing else matters'.“

Bei diesen Gedanken schwebe förmlich in der Hängematte.

Herr A hält bedeutungsvoll inne. „...ach, wissen Sie was? Stecken Sie Ihr Mikro ein! Wenn Sie mich nur einfach weiter abhängen lassen. Das wäre schon ziemlich geil.“

Mensch, A, altes alter ego,“ denke ich, „...hush little Baby, alles ist supergei-ei-eil!“

 

 

 

 

ÖPNV und was ich schon immer sagen wollte

 

Ja, was ich schon immer einmal sagen wollte: Das ist 'ne ganze Menge....

 

Ich habe mir etwas ausgesucht, das mich jeden Tag aufs Neue beschäftigt. Das ist der ÖPNV, der öffentliche Personennahverkehr. Es schimpfen ja alle auf die Bahn und den HVV.

 

In meinem Kopf hingegen gibt es ein schönes, fast lyrisches Bild von der großen Stadt, die jeden Morgen frische, erholte Menschen ein- und abends wieder ausatmet, sie in die grünen Lungen entlässt.

 

Und da gilt der ÖPNV als unberechenbar?

 

Ich finde das überhaupt nicht. Das muss wirklich mal gesagt werden.

 

Denn die Mechanismen, nach denen Busse und Bahnen tagtäglich funktionieren sind absolut vorhersehbar. Es haben sich – da freut sich der Jurist – regelrechte Gesetzmäßigkeiten entwickelt.

 

...Juristen haben sozusagen den Schwarzen Gürtel im Rechthaben. Nur Recht kriegen, damit hapert es meistens.

 

....aber ich schweife ab.

 

Also, § 1 ist natürlich 'Die Bahn ist ein serviceorientiertes Dienstleistungsunternehmen'. Punkt!

 

Das macht sich in vielfältiger Weise bemerkbar. Zum Beispiel bei Verspätungen.

 

Da wird eine Minute nach Eintritt der Verspätung per Lautsprecher um Verständnis dafür gebeten, dass die Bahn ca. 5 Minuten Verspätung habe. Nach Ablauf dieser 5 Minuten wird eine ca. 10-minütige Verspätung gemeldet, die dann oft 20 Minuten beträgt, wenn man nicht richtiges Pech hat und der Zug ganz ausfällt.

 

Es wird damit – psychologisch behutsam - nie sofort die ganze Wahrheit unterbreitet. Das ist geradezu empathisch. Salamitaktik im besten Sinne.

 

Damit lässt sich schon § 2 wie folgt formulieren: Die Bahn geht behutsam mit dem Thema Pünktlichkeit um.

 

§ 3 ist dabei viel simpler: Der Zug hält fast nie so, dass man einen Platz vor einem der Eingänge erwischt.

 

Die schaffen das, nie an einem Haltepunkt anzuhalten. Das ist wirklich erstaunlich! Aber es hält frisch, denn Du musst den Kampf um die letzten Sitzplätze jeden Tag mit einer neuen Startnummer in Angriff nehmen.

 
§ 4 ist wieder sehr kundenfreundlich: Wenn der Zug Verspätung ha
t, werden keine Fahrkarten kontrolliert.

 

Klar. Diese Züge sind meist proppenvoll mit den Leuten, die sich schon für die folgende Bahn eingefunden haben. Außerdem hat kein Schaffner Lust, sich das Genöle wegen ständiger Verspätungen anzuhören.

 

§ 5: Die Seite, auf der auszusteigen ist, wird immer richtig angesagt.

 

§ 6: In unregelmäßigem Rhythmus ist die Rolltreppe am Hauptbahnhof frühmorgens auf abwärts eingestellt. Das fordert, vertreibt die Dösigkeit und dient somit der Ertüchtigung.

 

§ 7: Einmal im Jahr ist Fahrplanänderung. Sprich, man muss sich an neue Fahrtzeiten gewöhnen, die nicht immer mit denen der Anschlusszüge und Busse abgestimmt sind. Das verhindert, dass der Alltag allzu starren Regeln folgt, und hält geistig frisch.

 

Wen wundert es da, dass bei all dem Planungsaufwand für eine fantasievolle Gestaltung des Alltags die Tarife mehrmals im Jahr erhöht werden müssen.

  

Um an dieser also grundsätzlich segensreichen Einrichtung teilnehmen zu können, muss man sich erst einmal dazu entschließen, das bequeme Auto stehen zu lassen und zu einer Bushaltestelle gehen.

 

...Unser guter alter Golf 2 hat mir diese Entscheidung leicht gemacht, nachdem ihn eine junge Frau rechts überholt hat, um dann doch kurzentschlossen den Parkplatz links vor uns beiden anzusteuern. Das gab die volle Breitseite und ich habe das Lenkrad ein letztes Mal heftig umarmt. Rest in peace,

 

...aber ich schweife schon wieder ab.

 

Die meiste Zeit des Jahres schlägt sich der ÖPNV-Pendler durch feucht-kalte, an Edgar-Wallace-Krimis erinnernde Dunkelheit, zum Glück ohne Klaus Kinski und Elisabeth Flickenschildt.

 

An der zugigen Haltestelle angekommen, verkürzen einem Jugendliche die Wartezeit, indem sie liebevoll die wenigen überdachten Flächen – zumeist geräuschvoll – mit Sekretportiönchen versehen, bis endlich das Kunstwerk 'verendete Qualle' fertig ist.

 

...Ich vertrete ja die Auffassung, dass es sich dabei um archaisches Revierverhalten handelt, so wie ja auch Hunde an jeder Ecke ihr Bein heben... Und dann denke mir, das ist immer noch besser, als wenn diese Bengel auch noch...

 

...aber ich schweife ab.

 

Wann man die spuckfreie Zone im Bus erreicht, wird man meist regungslos von Busfahrern begrüßt, die es allesamt schaffen, in genau der Sekunde forsch anzufahren, in der man gerade Platz nehmen will. Ob es dafür Bakschisch von Orthopäden gibt, weiß ich nicht, aber es fällt mir schon auf, dass dieser Anfahrreflex auch vor dem Rosenhof in Großhansdorf praktiziert wird.

 

Dann geht der Kampf um die Balance los, denn der behäbig scheinende Bus entwickelt sich zum achterbahnfahrenden Boliden. Nach einigen solcher Busfahrten weiß ich, dass die vielen Griffe und Haltestangen in Bussen nicht nur für stehende Fahrgäste gedacht sind.

 

Trotz dieser Eile sind die Fahrpläne so exakt aufeinander abgestimmt, dass man – wenn man die Bahnhoftreppen hinauf eilt - der gerade abfahrenden Regionalbahn hinterherwinken kann.

 

Nach diesen ersten morgendlichen Erniedrigungen beginnt ein Verwirrspiel, das einen nach versteckten Kameras Ausschau halten lässt:

 

Eine kaum verständliche Lautsprecherstimme gibt das Gleis des nächsten Zuges an. Hat man das vermeintlich richtige Gleis endlich gefunden und die Treppe erklommen, wird man durch die Leuchtschrifttafel gleich mit dem Hinweis auf eine fünf-minütige Verspätung belohnt. Es werden 10 Minuten. Fast rechtzeitig nach 9 Minuten kommt die Durchsage, dass soeben der Zug nach Hamburg auf dem Bahnsteig nebenan einläuft.., den dann ca. 150 bis 200 Menschen zu erreichen versuchen, was nicht eben mit der Eleganz modernen Tanztheaters abläuft.

 

Wenn man dann die nötige Spurtstärke bewiesen hat, oder schlicht vom hektischen Menschenstrom mitgerissen wurde, dann – ja dann – kann man das Leben 'in vollen Zügen' genießen. Es beginnt nämlich sofort der gar nicht subtile Kampf um die letzten Sitzplätze. An dem scheitern viele bereits aufgrund der eigenen Hemmschwelle, Rucksackbesitzer zu bitten, denselben doch bitte auf den Schoß zu nehmen.

 

Ich kann mir Zurückhaltung an der Stelle nicht leisten, denn die Haltestangen über den gemütlichen Stehplätzen im Eingangsbereich der Waggons stellen für mich keine Alternative dar, weil sich schlicht niemand findet, der mich wie Fabian Hambüchens Vater an diese Stangen heben mag.

 

Ein erster entspannter Leseanlauf wird durch geschäftsmäßig-freundliche Lautsprecherdurchsagen unterbrochen. Menschen, die sonst nie darauf gekommen wären, wird gesagt, auf welcher Seite sie aussteigen müssen.

 

Möglicherweise soll diese Art Beglückungsterrorismus den sehr altertümlich-schmutzig-maroden Charme des Interieurs der Züge durch internationales Flair kaschieren, denn wir sind ja schließlich keine Servicewüste mehr. Dabei wird verkannt, dass 99,9% der Fahrgäste der Regionalzüge Pendler sind, die nur lesen oder dösen wollen. Der Rest ist eh' voll verkabelt, hat Knöpfe im Ohr, oder ist als Screenaddict hektisch wischend mit dem offenbar angewachsenen Fortsatz seiner linken Hand beschäftigt, bekommt also nichts mit.

 

...Wir sind alle längst Cyborgs... Aber ich schweife schon wieder ab...

 

Solcherart mit Service versorgt erreicht man den Hauptbahnhof , steigt auf der immerhin richtig vorausgesagten Seite des Zuges aus und setzt sich dem Viehtrieb durch die Bahnhofshalle aus.

 

Ist eigentlich schon jemandem aufgefallen, dass man auf öffentlichen Treppen und in Eile kam eine Chance hat, an den meist ausladenden Achtersteven seiner Mitmenschen und den Trolley-Terroristen vorbei zu kommen?

 

Aber gut, 'erratische Bewegungen von Individuen in der Masse' sind ein Thema für sich.

 

Ein noch halbwegs neues Phänomen sind dabei die Mitbürger, die sehr verinnerlicht ihrer linken Hand folgen und dabei auf die wenig smart machenden Smartphones starren. Ein – nur unzureichender – Rest der Aufmerksamkeit gilt dabei dem offenbar irritierenden wirklich wahren Leben um sie herum. Und der überforderte gelegentliche Seitenblick scheint zu fragen, warum es noch keine Handys mit Abstandswarner gibt. Man bräuchte dann nur noch eine Antikollisions-App und könnte sich vollständig dem Mikroversum der virtuellen Welt widmen.

 

...In meiner Vorstellung entstehen dabei Bilder von Menschen, die sich in einer Schwarmintelligenz in der Cloud zu Menschenwolken verbinden und sich - synchron wie Vogel- oder Fischschwärme - im Gleichklang unverstandener Impulse bewegen.

 

...Aber ich schweife schon wieder ab.

 

Nach etlichen body-checks und Drängeleien erreicht man entnervt die S-Bahn und schiebt sich zwischen ach so mannhafte Bierdosenträger. Ein Raucher pumpt sich noch den Rest der Kippe rein und schnippt diese durch die sich schließende Tür. Dann bläst er zur Begeisterung der Umstehenden seine Abgase in die Menge.

 

Eine Kakophonie von Handy-Quasslern umfängt einen, wobei man haltlos zwischen wankenden Leibern steht und von der S-Bahn wie ein Wodka-Martini ungerührt durchgeschüttelt wird, bis man den letzten Abschnitt, den Bus zur Arbeit, erreicht.

 

Die Haltestelle dann ist voller Berufsschüler, die ähnlich emittieren wie die Jugendlichen an der heimischen Bushaltestelle. Dazwischen – sehr vereinzelt und mit stoisch-ausdrucksloser Körpersprache - finden sich ein paar Erwachsene, die nur noch erlöst werden und ins Büro wollen.

 

Haste gestern Fußi gesehen, ey, Alda, ey? Boah, ey, ich schwör, Digga, ich hätt' das Ding rein gemacht, Alda, ey.“.

 

Ich schau nach links, wo die begeistert überdrehte Stimme herkommt. „Ey, echt ey, Digga,“ kommt es von rechts. „Voll krass, ey, Digga, ey“, kommt es wieder von links. „Ich schwör, Alda.“ „Voll gei-i-i-l, ey.“ Die weitere Stimme kommt nun von hinten. Der junge Mann im Kevin-Kurani-Design klatscht über meinen Kopf hinweg, was nicht eben schwierig ist, die Hände seiner Kumpel ab und ich versinke resigniert in derselben stoischen Haltung wie die anderen verloren wirkenden Männer und Frauen im Gedränge.

 

Ich bleibe außerhalb dieser soziologisch definierten Ingroup und denke an die drei weisen Affen: Nichts hören, nicht sehen und schon gar nichts sagen!

 

Schließlich lasse ich mich von den Youngsters in den Bus spülen.

 

Es ist nur eine Haltestelle weit bis zum Ziel und die Fahrt dauert auch nur drei bis vier Minuten, aber ich bekomme eine Ahnung davon, was es heißt, einer Gehirnwäsche unterzogen zu werden.

 

Der Bus speit mich schließlich aus und ich genieße die letzten Schritte am Fleet entlang durch den dämmernden Morgen. Ich erreiche ich das Büro. Erleichtert!

 

Ich schwör.

 

Die Stadt atmet morgens frische, erholte Menschen ein und der ÖPNV hustet sie den Arbeitgebern schon vor Dienstbeginn vor die Füße.

 

Ich fühle mich wie die Qualle auf Sand und denke: „Kalle ist alle.“

 

 

 

 

Familienfeiern

 

 

 

Familienfeiern sind eigentlich immer toll, Leben pur. Schließlich fängt es ja schon mit der eigenen Taufe an, selbst wenn man von der nichts mehr weiß.

 

Auch die meisten meiner Verwandten mag ich. Nichts von wegen 'bucklige Verwandtschaft'. Die Treffen sind unverkrampft. Familienfeiern sind immer nur dann Zwang, wenn man Anlass hat, selbst eine abzuhalten, so wie die Konfirmationen der Kinder. Meistens aber sind selbst solche Feiern sehr ausgelassen. Das gilt erstaunlicherweise auch - oder gerade - für Begräbnisse.

 

Ich unterscheide Familienfeiern im Wesentlichen nach Feiern mit und Feiern ohne Anzug. Also, keine familieninternen Swingerparties, sondern Feiern ohne Dress-Code.

 

Die mit Anzug, Konfirmationen, Hochzeiten, Begräbnisse und Taufen sind – zu Beginn - oft steifer, schon weil ich mich – damals wie heute – in Anzügen einfach nicht wohl fühle. Dann sind da bei offiziellen Feiern noch die ganzen nervigen Vorgeplänkel: „Was schenken wir?“ und das halb-panische: „Ich hab' gar nichts anzuziehen!“ Der ganze Schrank voll mit 'nichts anzuziehen'. Das geht oft schon Wochen vorher los. Werden endlich mit seeligem Lächeln bauschig-große Tüten durch den Flur navigiert, kommt prompt das Entsetzen: „Dafür hab' ich ja gar keine passenden Schuhe.“ Nochmal los!

 

Da ist so ein Anzug dann wieder praktisch. Es sei denn, ich habe meine drei Superheldenkostüme aus dem Kleiderschrank, die Modelle 'Sargträger', 'Dirty Dancer' und 'Familienvorstand' länger nicht anprobiert und die Waage genauso lange nicht im Blick behalten. Dann kann es 'spannend' werden, im wahrsten Sinne des Wortes. Der schicke Bürger-Würger am Hals macht die Qual schließlich perfekt.

 

Es gibt also Gründe, warum ich Feiern lieber mag, bei denen lockere Kleidung angesagt ist.

 

Aber bei beiden Varianten ist es schön, nette Leute aus der Sippe zu treffen, die man länger nicht gesehen hat. Dieser soziale Verband, der die eigene Herkunft kennzeichnet und uns früh zu Herdentieren macht. Inzwischen sind es neben den alt gewordenen Cousins und Cousinen, eher Neffen und Nichten als Onkel und Tanten, nachdem Hochzeiten, Taufen und Konfirmationen alle durch sind und die Begräbnisse häufiger werden.

 

Es sind überwiegend schöne Erinnerungen, die ich mit solchen Familienfeiern verbinde.

 

Früher! Das erste scheue Gekuschel auf dem Autorücksitz nach der Hochzeit meines ältesten Bruders. Dann das erste Besoffenmachen des Bräutigams bei einer anderen Hochzeit und die wütende Szene der Braut, die um ihre Hochzeitsnacht betrogen wurde.

 

Und meine erste Alkoholvergiftung:

 

Es war die Hochzeit eines Cousins. Bis nachts um 2 Uhr war ich so gut wie nüchtern. War es aufkommende Langeweile, oder Übermut, als wir 'Lütje Lagen' nicht mit Korn und Altbier tranken, sondern mit zwei Korngläsern übereinander. Kennt Ihr Lütje Lagen? Man klemmt ein volles Schnapsglas über das Bierglas, kippt es am Mund und lässt beim Trinken den Korn in das Bier laufen. Man kann es auch taktisches Wirkungstrinken nennen. Jedenfalls: Es hat keine halbe Stunde gedauert und ich bin auf dem Schoß der Braut meines Cousins eingeschlafen. Als es mit dem VW-Bus ins Übernachtungsquartier bei deren Verwandten ging, reichte mir mein ältester Bruder eine Plastiktüte in den Bus, die ich schon mit großspuriger Geste zurückweisen wollte. Der kleine Ruck beim Anfahren ließ dann sofort mein Gesicht in der Tüte verschwinden. Bei der Ankunft ging es mir schon wieder grandios und ich warf die Tüte mit Schwung in die Baustelle gleich neben dem Parkstreifen. Ich habe dann bis mittags geschlafen und bis tief in den Nachmittag hinein alle paar Minuten fluchtartig das Badezimmer aufgesucht, wenn ich nur kauende Kiefer gesehen habe.

 

Von den Feiern ohne Filmriss weiß ich, dass sich immer gleiche Ablaufschemata abzeichnen. Das Essen fängt meist feierlich an, in meiner Verwandtschaft zum Glück ohne lange Reden. Man legt erst noch ein wenig Wert auf Manieren, den richtigen Sitz der Kleidung, Anstoßen mit Blickkontakt, nette Konversation. Dann wird konzentriert genossen. Essen, Wein, Bier, am Ende Schnäpschen. Spätestens dann, wenn der Gürtel nach dem nächsten Loch schreit, findet sich schließlich jemand, der es nicht mehr aushält und anfängt, zwanghaft Witze zu erzählen. Dazu gehören noch heute meine älteren Brüder und ...ich.

 

Dann finden sich Grüppchen zusammen, die politisieren, oder eben weiter Witze erzählen.

 

Was die Frauen machen, weiß ich eigentlich nicht, außer, dass sie scheinbar immer einen Eintänzer finden, der sie als Schmidtschen Schleischer zum Schneewalzer in den Hüften locker macht. À propos Schmidtschen Schleischer:

 

Ik prat mar een heel klein beitje nederlands, mar ik... Oh, sorry, das holländische Erbe bricht sich gerade wieder Bahn. Zur Erklärung: Ich bin zu einem Achtel, oder so, Holländer, über die Linie meiner Mutter. Das hat zwar den Nachteil, dass ich beim Fußballklassiker 'Deutschland%Niederlande' nie weiß, zu wem ich halten soll. Es hat aber auch den Vorteil, dass ich immer Holländer vorfinde, die ich – nicht nur mit Fußballthemen - easy vor den Kopf stoßen kann. Sie sind allesamt katholisch, eine Großtante war gar Nonne. Wenn ich zum Beispiel auf die Frage: „Was feiern Mönche mit Viagra?“ sogleich die Antwort „die Wiederauferstehung des Fleisches“ nachschiebe, dann kommt – gut planbar – ein gequält-ersticktes Lachen dabei heraus, nicht selten mit verschämten Seitenblicken zu den anderen Holländern. An der Stelle werden die Anzugfeiern meist so locker wie die der anderen Kategorie.

 

Die anderen Familienfeiern, die ohne Anzug, starten gleich sehr viel gediegener: Das war schon früher bei uns auf dem Dorf so. Da kam kein Caterer. Nein, die Frauen aus der Nachbarschaft halfen Tage vor der Feier beim Vorbereiten. Es wurde geschält, geschnippelt, gekocht und gerührt. Berge von Bouletten wurden gebraten. In der Zinkwanne, in der wir als kleine Kinder gebadet wurden, Oma ihre Füße wusch und mein Vater nach dem Angeln die Aale nach Hause gebracht hatte, wurde die Fünfzig-Mann-Portion Kartoffelsalat angerührt.

 

Am Tag, auf den alles hinauslief, wurde dann - ohne Etikette - auf den Teller gestapelt, was eben ging, ein gemütliches Plätzchen im Garten, oder in der Stube gesucht und die Bierflasche am langen Arm zum Nachspülen geführt. Genau wie bei den Anzugfeiern wurde politisiert, geraucht und gesoffen, derb schwadroniert und es wurden Witze erzählt, auch die von der derberen Sorte.

 

Nur, als ich noch kleiner war, saß ich nicht bei den Männern, sondern zwischen meinen Tanten. Und das war echt grausam. Kann sich jemand vorstellen, wie das ist, wenn man als Zehnjähriger zwischen alten Frauen sitzt– und Frauen um die vierzig waren für mich damals alte Frauen – und sich die Geschichten aus dem Kreissaal anhören muss? Früher? Das war, als alle Frauen Kinder bekamen. Es waren echt viele Geburten damals. Ich gehöre zu den geburtenstarken Jahrgängen. Und jede Geburt war – natürlich – noch schlimmer, als die vorher erzählte. Meine Mutter berichtete gar von meiner eigenen Geburt, in meinem Beisein. Ich habe erst Jahre später erfahren, dass ein Dammriss nichts mit einer Flutkatastrophe zu tun hat. Bei solchen Sensationsberichten wurde ich immer kleiner, bis ich unter den Tisch rutschte und zwischen den vielen Beinen und Röcken, den Blick streng nach unten gerichtet, um nicht noch mehr traumatisiert zu werden, den Weg ins Freie suchte.

 

Währenddessen waren meine älteren Brüder und deren Freunde ebenfalls mit Röcken beschäftigt. Mit denen der Mädchen aus dem Dorf, die sich bei solchen Festen ebenfalls gern einfanden. Es werden an dieser Stelle natürlich keine Namen genannt, außer vielleicht Helene Focker, sie hieß wirklich so, ehrlich. Sie war die Nagelprobe für einen der damals sechzehnjährigen Freunde. Danach nagelte der alles, was nicht niet- und nagelfest war, ein nagelneues Hobby sozusagen. Ohne ihn darauf festnageln zu wollen: Es heißt, dass er danach so vernagelt gewesen sein soll, dass er eine zeitlang sogar über einem Nagelstudio gewohnt haben soll.

 

Familienfeiern, so kann man wohl sagen, sind sattes Leben in unverkrampfter Form und bringen prägende Erlebnisse mit sich. Ich glaube, auch deshalb mag ich noch heute solche Feiern, auch weil sie mich an das Zusammensein mit Freunden erinnern.

 

So wie Familienfeiern mit der eigenen Taufe beginnen, werden sie einst mit der eigenen Beerdigung enden. Ich hoffe, dabei wird gegessen, getanzt, gelacht, gelebt und geliebt.

 

 

 

 

Diäten

 

Diäten! Ist schon 'ne fiese Nummer, Dicken das Thema 'Diäten' für einen poetry slam zu geben.

Obwohl: Es ist ja meinThema! ...Seit gut dreißig Jahren.

Eigentlich dürfte es mich schon gar nicht mehr geben, so viel habe ich über die Jahre abgenommen. Zum Glück habe ich auch immer mal wieder etwas zugenommen...

Jetzt steh ich hier, rank und schlank, und ich muss Euch sagen: Es war verdammt harte Arbeit. Abnehmen ist schließlich nicht leicht. Es gibt Dinge, wo der Verstand nicht mehr regiert: Panik, Gier, Sex und – wie wir seit Reinhard Mey wissen - 'die heiße Schlacht am kalten Buffet'.

Dabei muss man aufpassen, dass man es nicht übertreibt, dass man hinterher nicht beim Duschen von Strahl zu Strahl springen muss. So ein Spiddel, der auf den Rippen Akkordeon spielen kann, ist schließlich auch kein Schönheitsideal.

 

Wie auch immer: Diäten sind ein schwieriges Thema. Was einem da nach den Feiertagen, wenn jeder Weihnachtsmann waidmännisch zerlegt, jede Bowle ausgelöffelt und jede Weihnachtsgans vertilgt ist, in den Zeitungen als Superdiät verkauft wird, ist genauso ein Hokuspokus wie Horoskope.

Bei der Gelegenheit: Ist eigentlich schon jemandem aufgefallen, dass die Gänse trotz der milden Winter weiterhin in den Süden fliehen? Ich hab' dieses Jahr erstmals überlegt, dass das gar nicht mit dem Winter zusammenhängt, sondern mit Weihnachten und dem alljährlichen Massensterben ab November. Gar nicht so dumm diese Gänse... Mal sehen, wann die – ebenfalls als dumm verschrieenen - Schweine sich das abgucken und im Herbst eine Stampede in Richtung Afrika abziehen.

Jedenfalls: Was da viele laufende Meter in den Regalen der Zeitungsläden und Buchhandlungen einnimmt und Schlank- und Schönheit in wenigen Wochen verspricht, ist meíst Leuteverdummung und oft ungesund.

Auch Fernsehwerbung ist nicht hilfreich und teils abstoßend, wenn etwa zur besten Abendbrotszeit von einer lässig auf der Couch lümmelnden Dame mittleren Alters Abführtropfen zum 'Abführen ganz nach meinem Bedarf' angeboten werden. Ich habe viel Disziplin darauf verwendet, nicht darüber nachzudenken, was 'Abführen ganz nach meinem Bedarf' denn genau heißen könnte...

Wenn man den ganzen Schlankheits- uns Schönheitswahn einmal hinterfragt, kommt man nicht umhin zu würdigen, was da an Schätzen angesammelt wurde: Hat sich mal jemand die Mühe gemacht, zu kalkulieren, was für Sachwerte so eine Wampe repräsentiert?

So wie die Götter vor den Erfolg den Schweiß gesetzt haben, muss man vor dem Abnehmen nämlich erst einmal zunehmen.

Da stecken viele gedeckte Tische voller feinster Spezereien und edler Getränke hinter – oder über - dem Gürtel. Wenn man von gelegentlichen Fast-Food-Quickies absieht, ist so ein Rettungsring schon ein paar Monatsgehälter wert. Nicht umsonst galten im Barock dralle Rubensengel als Schönheitsideal. Bis in die Nachkriegszeit hinein hieß es: „Ein schöner Rücken kann entzücken, ein dicker Bauch tut's auch“, denn ein dicker Bauch sprach für ein dickes Konto. Auch Julius Cäsar wird der Spruch nachgesagt: „Lasst dicke Männer um mich sein!“. Er wusste, scheint's, ruhige und gesetzte Genießertypen zu schätzen.

Essen ist außerdem Kultur und soziale Kontaktpflege.

Meine Frau, die übrigens – egal was sie incorporiert – schlank bleibt, und ich nehmen uns seit Jahren jeden Tag nach Feierabend die Zeit, bei Kaffee und einem schönen Stück Kuchen über den Tag und die Kinder zu sprechen.

Neben dem Wert der Wampe stecken da also auch viele schöne Erinnerungen in der größeren Bundweite. Liebe geht schließlich durch den Magen.

Soll man letztlich alles über den Haufen werfen, wenn man den hingehauchten Satz „ich will mehr von dir“ wörtlich genommen und 'mehr aus sich' gemacht hat?

 

Essen kann auch Belohnung sein!

 

Wenn man das alles in Betracht zieht, soll man diese kulturellen und sozialen Errungenschaft dann wirklich ablegen?

 

Diäten, wie das schon klingt, nicht nur in der Politik, wo Diäten durchaus mal eine Diät vertragen könnten.

Man ist gleich angewidert, wenn man das Wort hört und es vergeht einem sofort der Appetit. Naja, beinahe jedenfalls...

 

Überhaupt 'abnehmen', das klingt so einfach wie den Telefonhörer von der Gabel nehmen:

Hallo?“

Sie müssen abnehmen!“

Falsch verbunden!“

Sagt in Zeiten von Smartphones noch jemand 'Gabel'? Gabel klingt schon wieder nach Essen. Da steht die Diät gleich auf 'Messers Schneide'. Andererseits möchte man schließlich nicht 'den Löffel abgeben', denn 'der Krug geht solange zum Tresen, bis der Manfred bricht'.

Herrje, immer diese Assoziationen an lokullische Genüsse!

 

Am Ende musste ich meinAdipositas-Ganzkörperdepot für schlechte Zeiten doch noch bearbeiten, als mir das Schicksal das Messer in die Brust rammte.

 

Mein Kardiologe sagte, ich müsse abnehmen. Mein Hausarzt sagte, ich müsse abnehmen und auch meine Frau sagte mir – nachmittags bei Kaffee und einem schönen Stück Torte – es wäre doch besser, wenn ich abnähme.

Mein Arzt bemühte – ganz gebildet – das Bild der Vier Reiter der Apokalypse: Rauchen, Übergewicht, Stress und Bewegungsmangel.

Rauchen war nie mein Problem und wenn man mir mit Sport keinen Stress macht, bleibt allein das Thema 'Abnehmen' übrig.

Auch wenn ich noch nicht wie das Michelin-Männchen aussah und meine Garderobe nicht beim Zeltmacher anfertigen lassen musste, wusste ich doch, dass ich ein paar Pfunde loswerden musste.

Obwohl es ja heißt: Sport ist Mord und Breitensport ist Massenmord, habe ich es mit Sport versucht. Aber das Reißen und Stemmen in der 0,2- bis 0,5-Literklasse hat sich nicht als erfolgreich erwiesen.

Mir fiel das Motto 'nach dem Essen sollst du ruh'n oder tausend Schritte tun' ein. Ich habe mich für das Ruhen entschieden. Diese alte Weisheit lässt einem schließlich die Wahl zwischen Sport und Ruhe. Letzteres vermeidet immerhin Stress.

Ich ließ mir sagen, dass man mit Joghurt abnimmt, also habe ich Joghurt gegessen - zu dem normalen Pensum hinzu.

Von Heinz Erhardt weiß ich, dass manche Menschen schon zunehmen, wenn sie Fettgedrucktes lesen. Ich habe deshalb sogar damit aufgehört, morgens auf die Bildzeitung zu schauen.

Ich habe wirklich vieles versucht.

Doch alles half nichts. Wenn ich morgens auf die Waage stieg, auf Zehenspitzen – nackt, um ja nicht das Ergebnis zu verfälschen, mit zwei Heliumballons links und rechts an den Händen – dann sagt mir eben diese Waage: „Die Zahl auf der Anzeige wäre besser in Pfunden bemessen statt in Kilogramm!“

 

Wie nun habe ich es wohl geschafft, so rank und schlank zu werden?

 

Ich habe in Kaufhäusern diese schlauen Spiegel entdeckt, die einem – abgedunkelt und leicht längs verzerrt – enorm schmeicheln.

Jetzt hängt so ein Spiegel bei uns im Flur - und deshalb stehe ich heute hier, schlank und zufrieden.

 

 

 

 

Zusammenleben

oder 'Die Facetten des Terrors'

 

Zusammenleben. Wer denkt da nicht gleich an das einträchtige Beisammensein von Mann und Frau, von Mann und Mann, oder von Frau und Frau?

Nun, dies ist ein poetry slam und poetry heißt auf deutsch nicht anderes als Poesie.

Was bietet sich bei diesem Thema eher an, als die geneigten Zuhörer einmal an die anmutigen Gestade schöner Worte, in die Welt der Lyrik zu entführen.

Zusammenleben, was kann das heißen?

Zusammenleben,

zueinander streben,

zarte Bande weben,

sich alles geben,

im Innersten beben,

einander erleben,

sich –

zu einem Ganzen erheben,

das Leben leben,

bis –

alles klebt

und

nichts mehr lebt.

Einander vergeben?

 

Gut, an der Stelle verlassen wir fluchtartig das dünne Eis, vermeiden diplomatisch-fadenscheinige Spagate zu Themen wie Zahnpastatuben, Haare im Abfluss, unerledigte Pflichten und ähnlich delikate Klischees über die Ehe und eheähnliche Lebensgemeinschaften. Es kennt sie ohnehin jeder: „Wir müssen mal wieder staubsaugen!“ Ich denke dann immer: „Wir? Wir alle? Es ist doch nur ein Staubsauger da.“

Das sind natürlich Klischees.

Manch jung-dynamischer Managertyp dagegen mag denken: Zusammenleben hat doch viele Vorteile. Ein Joint-Venture. Da kann man Synergie-Effekte heben: Eine Miete, ein Kühlschrank, nur einmal Heizkosten und Strom usw. usw.. Ist doch nur vernünftig, oder? Die Wahrheit ist: Es ist zumindest ein Adventure, das man besser mit einem Joint erträgt. Am Ende werden – wenn es schlecht läuft – aus den Synergie-Effekten Sympathie-Defekte.

Also wenden wir uns ab von diesem mienenverseuchten Terrain.

 

Es gibt schließlich eine Reihe anderer Formen des Zusammenlebens: Die Bundeswehr, WGs, schlagende Verbindungen und Kollegen, am Ende Seniorenheime.

 

Aber der Reihe nach: Die erste Lebensgemeinschaft ist die mit der Mutter, bei der man neun Monate lang mit Verdauungsgeräuschen auf dieses sch-sch-öne Leben vorbereitet wird, in dem wir permanent neue Nabelschnüre aufbauen.

Bei uns allen fängt es mit der Familie an. Bei mir waren es drei ältere Brüder, die die Angelegenheit zu einer Frage des Überlebens machten. Ältere Brüder, das sind die ersten Begleiter im Leben, die einen spüren lassen, dass man kleiner ist, weniger weiß, die ihre Erfahrung ausnutzen, um einen beim Spielen verlieren zu lassen, die sauer sind, wenn sie auf einen aufpassen sollen, und es dich spüren lassen. Es sind die Menschen, die einem alle leckeren Sachen wegessen und dich nie im Fernsehen die Sendungen sehen lassen, die du unbedingt sehen möchtest.

Ja, ich habe manchmal gepetzt.

 

Der alte Darwin musste für seine Erkenntnisse auf die Galapagos-Inseln. Mich hatte die Familie gelehrt, dass Zusammenleben auch immer Überleben heißt.

 

Das gilt auch für die Schule. Das Thema 'Mitschüler und Lehrer' lasse ich an dieser Stelle aus'. Die alten Wunden sind noch immer nicht verheilt. Oder soll ich erzählen, dass mich Agnes immer gehänselt hat und wenn ich wütend hinter ihr her rannte, die Lehrer nur sahen: Junge jagt Mädchen, was mich eine Backpfeife kostete? Soll ich erzählen, dass sich mein Mathelehrer in der achten Klasse daran weidete mich dranzunehmen und genüsslich zu zelebrieren, wie doof ich doch bin? Immerhin, als ich nach fünf Sechsen eine Fünf schrieb, hatte ich das Gefühl, auf dem aufsteigenden Ast zu sein. Soll ich erzählen, dass mein Musiklehrer, ein übler Choleriker, immer sofort kleine Sechsen in sein gefürchtetes rotes Büchlein schrieb, wenn man nicht binnen Sekunden antwortete, und ich mich nur durch meinen Bass im Schulchor auf einer Vier hielt?

Ich glaube, all das will eh' niemand hören.

Ich frage noch heute immer nach, ob Lehrer anwesend sind, wenn ich vor Leuten spreche, weil in der Beziehung die mittlere Entfernung zwischen zwei Fettnäpfchen inzwischen mit der Maßeinheit 'ein Kalle' definiert wird.

Ach ja: Sind eigentlich Lehrer anwesend?

Wie auch immer: Ich lasse mich über dieses Thema besser gar nicht aus.

 

All diese Erfahrungen jedenfalls haben mich für die nächste Stufe des Zusammenlebens gestählt: Die Bundeswehr.

Die Bundeswehr war die erste Station im Leben ohne die Nabelschnur des Elternhauses. Das Zusammenleben dort ist – wie die Familie - durch Hierarchie geprägt, gelebte Willkür. Menschen, die andernorts nicht einmal zum Jäten einzusetzen wären, sind dort Vorgesetzte. Sie vermitteln so wichtiges Wissen, wie richtige Grüßen von höheren Dienstgraden, das Marschieren, den korrekten Sitz der Uniform und das vorschriftsmäßige Aufräumen des Spindes. Dabei waren die Fotos an der Spindinnentür, für die man damals noch nach Dänemark musste, gar nicht das Thema, sondern der millimetergenaue Abschluss des Unterwäschestapels mit dem Regalende. Man nennt diese Menschen Spieß. Sie sind so etwas wie große Brüder, nur halt in Uniform.

Wenn ich an Freitagen nach Hause wollte, durfte man schonmal den Inhalt des Spindes in den Seesack packen, quer über den Kasernenhof zum Spieß schleppen und nach Begutachtung des Inhaltes wieder in den Spind einräumen. Die Fahrgemeinschaft nach Hause und auch der Zug waren dann natürlich abgefahren.

Ich habe dort Hierarchien und Spießbürger hassen gelernt.

(Ein Jahr später als Maat habe ich bei der Abnahme der Waschräume einen Gefreiten nachputzen lassen. Er hatte alles ordentlich gemacht, wie er heute noch betont, aber jemand anderes war mit Stiefeln durch die Duschräume gelaufen. Also, alles nochmal! Ich traf ihn später beim Studium wieder... Wir sind nach wie vor befreundet, aber die Sache von damals trägt er mir unnachgiebig nach.)

 

Nach der 'Schule des Lebens' kam das Studium. Da der Numerus Clausus für Biologie nicht gereicht hat, habe ich mich für Jura entschieden. Da geht es zwar nicht um Darwin, aber immerhin um die Spielregeln für das Überleben beim Zusammenleben.

Vor das Studieren haben die Götter die Zimmersuche gestellt. Auf gar keinen Fall kam dabei ein Verbindungshaus in Betracht. Das Hochdienen als sogenannter Fuchs durch Hineinsaufen in die Hierarchie war kein schlagender Grund für eine schlagende Verbindung.

Ich hatte einmal ziemlich schrägen Kontakt zu solchen Menschen bekommen. Von einer seinerzeitigen Freundin zu einer Fête eingeladen, bemerkte ich Landpommeranze weder, dass diese in einem Verbindungshaus stattfand, noch wunderte ich mich über die unter eines jeden Studenten Stuhl zu findenden Bierkästen. Auf die beiläufig aufgeschnappte und falsch verstandene Frage zu einem ihrer Kameraden „was'n für 'n Verbindungsstudent?“ verstand ich: „Was is'n Verbindungsstudent?“ Ich sah die Gelegenheit, mich ins Gespräch zu bringen: „Ein Verbindungsstudent heißt Verbindungsstudent, weil er die Verbindung zwischen Bierseidel und Kanalisation herstellt,“ streute ich Beifall heischend ein. Ich sah in ausdruckslose Gesichter. Noch Jahre später habe ich mich gewundert, warum auf das spontane Bonmot niemand gelacht hat. Heute weiß ich, dass ich froh sein konnte, mir keine eingefangen zu haben.

Ich habe dann ohne 'alte Herren' eine kleine Bude in einer Jugendstilvilla in Harvestehude direkt am Innocentiapark gefunden. Die Adresse hatte schon was! Es wusste ja niemand, dass es 12 Quadratmeter im Souterrain hinter einer Luftschutzbunkertür waren. Das Souterrain nebst Küche und Bad teilte ich mir mit einem Medizinstudenten, einem sehr peniblen Menschen, der wenig Verständnis dafür hatte, dass ich nach der Bundeswehr eher weniger Wert auf Putzen und Aufräumen legte. Er hielt mir gern – mit Schürze und Kehrblech gerüstet - Vorträge über Sauberkeit und Regeln des Zusammenlebens, und er lehrte mich die Bedeutung des Wortes 'Interruptus', denn wenn ich Damenbesuch hatte, klopfte er schon mal im unpassendsten Augenblick an der Luftschutzbunkertür, die nahezu schalldicht und auch nicht abzuschließen war, und platzte mit dem Hinweis herein, dass wir doch zu 'Dallas' verabredet seien. Das war bei mir der Moment, an dem JR schon vor dem Anknipsen des Geräts gegrinst hatte.

Damals lernte ich, dass Fernsehen einen eher verderblichen Einfluss auf das Zusammenleben hat.

 

All diese sozialen Abhärtungen haben mich für die nächste Form des Zusammenlebens gestählt, die Ehe und für die Herkulesaufgabe, mit der eigenen Familie eine neue Generation ins Rennen zu schicken.

Wir seinerzeit noch jungen Leute haben uns übrigens eher zufällig kennengelernt, uns verliebt, umworben und heißblütig die Liebe gestanden, während man heute seinen 'Elite'-Partner über das Internet findet und sich alle 11 Minuten Paare über Parship verlieben. Ich parshippe... übrigens nicht. Andere wählen 'Seitensprung.de' und landen beim Scheidungsanwalt.

Hat eigentlich schon jemand überlegt, dass man bei dieser rasanten Taktung Partnerbörsen gleich mit dem Wohnungsmarkt und Umzugsfirmen vernetzen könnte, so wie manche - statt den Wohnungsmarkt zu studieren - gleich in die Sterbeanzeigen schauen.

Wenn das www in Zeiten der emotionalen Notstände einer reizüberfluteten, übersättigten und doch so hungrigen Gesellschaft, die in keinem Chattroom und auch nicht über Handy und Twitter satt wird, endlich auch die Partnerwahl gelöst hat, dann kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem jedenfalls wir Männer unseiner der letzten großen Herausforderungen für erwachsene Menschen stellen. Trecking in Nepal? Survival am Amazonas? Zu Fuß mit dem Schild ‚I hate Malcolm X’ durch Harlem? Alles Kinkerlitzchen gegen Kinder!

In Zeiten, in denen die Unvereinbarkeit von Freizeit- und Konsumgesellschaft mit dem Minderheitenphänomen Familie immer offenbarer wird, in Kinder der direkte Weg in die Armut sind, wendensich verständlicherweise viele von diesem Jammertal ab und den unbeschwerten Seiten des Lebens zu.

Wenn allerdings alle Statussymbole erkämpft und alle interessanten Winkel des Planeten erreist sind und diese Double-Income-no-Kids allmählich in die Jahre kommen, wenden sie sich, um das emotionale Defizit auszufüllen, einer anderen Form des Zusammenlebens zu, der mit einem Hund.

Um es vorweg zu nehmen: Ich liebe Hunde. Hunde schaffen Bewegung, Hunde zu streicheln senkt den Blutdruck und Hunde sind treue Gefährten.

Nur kann man über Hunde so emotional diskutieren, wie früher unsereins auf den Bänken am Rande von Spielplätzen? Man kann!

Wie auch immer: Wenn die Kinder aus dem Haus und die Hunde tot sind, kommt die letzte Station, das Seniorenheim, wieder mit jenen Geräuschen, mit denen wir auf's Leben vorbereitet wurden.

 

Schließen wir diese Betrachtung also wieder mit Lyrik ab.

Es ist ein Vers aus meinem Gedicht 'Das elfte Gebot'.

Dabei geht es um das 4. Gebot:

Vater und Mutter soll ich ehren?'

Helfen die mir noch im Streben,

Gewinn und auch Genuss zu mehren?

Dann soll'n sie gerne leben.

Doch fallen sie mir nur zur Last,

und gibt es was zu erben,

schiebe ich sie ab mit Hast.

ins Heim, um still zu sterben.

 

 

 

 

 

 

 

Süchtig nach..

...oder 'Für eine Handvoll Likes'

 

Das Thema 'Sucht' ist besonders dann schwierig, wenn man sich dazu durchgerungen hat, sich zu seiner Sucht zu bekennen, wenn man den verzweifelten Kampf aufzunehmen bereit ist, von dieser unseligen Besessenheit loszukommen.

Ja, ich bin süchtig. Nicht alkoholsüchtig, ich bin auch kein Raucher und nicht drogenabhängig. Nein, meine Sucht ist abgründiger und abwegiger als alles, was die Fantasie hergibt. Und doch, ich mussmich dazu bekennen. Ich mussEuch in die Abgründe meiner Seele mitnehmen, in die nicht mehr beherrschbaren Regionen manischer Zwangshandlungen, die meinen Geist beherrschen und mich nicht mehr loslassen. Ich werde damit leben müssen, dass Ihr mich nach diesem Bekenntnis mit fassungslosem Unverständnis ansehen werdet.

Ist übrigens ein Psychiater im Publikum? Nicht dass mir gleich in eine dieser Jacken geholfen wird, bei denen man die Ärmel auf dem Rücken zusammenbindet.

Sucht hat immerhin einenVorteil: man fängt zu grübeln, wie es dazu kam.

Ich will die Schuld ja nicht auf andere abwälzen, a-aber bei jeder Sucht gibt es jemanden, der einen zu dieser Abhängigkeit verführt hat.

Mich köderte der Rostfriese, eiskalt wie ein Frostriese.

Ja, es war Otto Waalkes, der Ostfriese, der meinen Verstand umprogrammiert hat, der in meine organische Festplatte eine Subroutine eingespeist hat, die mich seither von morgens bis abends auf morbide und abwegige Gedanken bringt, mich keinen Satz mehr denken lässt, ohne diesem Laster zu frönen. Eine Sucht, die mich mit Wucht heimsucht, die Sorte Wucht, die manisch Worte sucht.

Ich...ich - hatte ein paar Reime kreiert, Schüttelreime. Ich sagte mir – zwischen Glossen und Gedichten:

Lieber einen Schüttelreim, als Matthias Reim schütteln.

Das war die Einstiegsdroge.

Bei einem Latte Macchiato kam mir der Gedanke:

Als sie schon auf der Matte lag,

spürte ich, dass sie noch Latte mag...

...also holte ich ihr schnell einen Kaffee.

Und beim Zappen blieb ich bei einem Video von Lady Gaga hängen. Die Gedanken wurden auf erste schräge Bahnen gezwungen:

Lässt du der Stimme Fülle hallen

dazu noch deine Hülle fallen,

singst du also und fallen Hüllen,

dann kannst du alle Hallen füllen.

Als ich mehr und mehr Gefallen an dieser Art von Reimen fand, überlegte ich, wer für Schüttelreime denn noch Verwendung finden könnte. Mir fiel nur Otto ein, der Heinz Erhards 'er würgte eine Klapperschlang' bis ihre Klapper schlapper klang' mit gutem Lacherfolg auf die Bühne gebracht hatte. Also machte ich ein Friesen-Paket fertig, das ich ihm per Mail an seinen Rüssl-Verlag sandte, denn...

Wo könnte man noch mehr lachen,

als über das, was die in Leer machen.

Denn, wo Friesen hinter Deichen lieben,

geht's zur Sache wie bei Leichendieben.

Sogar die letzte Möwe lacht,

wenn Otto ein'n auf Löwe macht.

 

Super, hass' noch me-ehr?“, war die Antwort. Ich konnte es kaum glauben. Otto Waalkes himself zeigte Interesse an meinen Schüttelreimen.

Es kam, wie es kommen musste. Der Gedanke, dem Friesen Reime zu verkaufen, ließ mich nicht mehr los. Das Netz zog sich unmerklich um mich zusammen. Die Hoffnung, als Gagschreiber für Otto aus dem Dasein als Lohnsklave herauszukommen, schien greifbar nahe. Was es brauchte, waren ein paar nette neue Schüttelreime.

Bei Wer wird Millionär dachte ich:

Wenn's brennt, musst du zum Schlauch jagen.

Brennt's auf dem Konto, musst du Jauch schlagen.

Die Performance des HSV ließ mich resignieren:

Sie kriechen faul im Stil der Würmer.

Was fehlt, das ist ein wilder Stürmer.

Sah ich einen Schotten, wühlte es in meinen Gehirnwindungen. Die Reim-Suchmaschine hinter der Stirn jonglierte mit Begriffen wie 'Rock', 'Saum', 'Fransen' bis ich wieder stolz einen Vierzeiler fertig hatte:

Was Schotten selbst im Traum sagen:

Sollst Rock nie ohne Saum tragen.

Kannst Schotten und auch Transen fragen:

den Rock nie ohne Fransen tragen!

Ich konnte diesen Reflex bald nicht mehr abschalten. Stand ich beim Schlachter und fand den Stapel mit Saftschinken lecker, musste ich prompt die Kladde zücken:

Fühlst du einmal den Schaft sinken,

iss Sellerie mit Saftschinken!

Leichen in Krimis inspirierten mich:

Menschen, die auf Weichen lagen,

landen bald in Leichenwagen.

Viel weniger die Leichen wiegen,

die links und rechts der Weichen liegen,

Leichen, die in Teichen weilen,

schrumpeln schnell an weichen Teilen.

Der Leichenarzt im Keller schnallt:

Hier werden Leichen schneller kalt.

Selbst die Kirche war für mich kein Tabu.

Wo der Muff bis hoch zur Glocke staubt,

man an Zucht noch mit dem Stocke glaubt.

Pfarrer auf die Lippen kriegen,

die mit Messdienern in Krippen liegen.

Doch Kirchensteuer scharren Pfaffen,

wovon sie Prunk in Pfarren schaffen.

Nonnen allein noch hatten Glauben

unter Habit und glatten Hauben.

Auch der Adel ließ meine Gedanken kreisen:

Wenn sich zur Nacht die Fürsten betten,

Diener die Schuh mit Bürsten fetten

wobei sie sich im Hofe zoffen

und auf die Gunst der Zofe hoffen.

Die Zof' zum Bett den Grafen schleift,

wo der sie sich zum Schlafen greift.

Der Adel gibt zum Scheine Ruhe.

Diener sorgen für reine Schuhe.

 

Bald war es soweit, dass ich schizophrene Anfänge von innerer Zwiegespaltenheit auslebte. Nach außen gab ich mich normal, redete normal, soweit soetwas auf mich zutrifft. Innen drin aber lief und läuft diese Subroutine im Gehirn und checkt jeden Wortfetzen auf Schüttelreimtauglichkeit.

Selbst abends im Bad fand ich heraus:

Ob schlank, rasiert, ob fett, bärtig,

Männer sind schneller bettfertig.

Dann im Bett, ich wag' es kaum zu sagen:

Stürmisch wie das Wetter bleib,

wenn ich dich entblätter, Weib!

 

Nun ist es nicht leicht, Schüttelreime zu finden und zurecht zu drechseln. Der aufmerksame Zuhörer wird herausgefunden haben, dass man jeweils die Anfangsbuchstaben der letzten beiden Wörter einer Reimzeile austauschen muss. Das ist nicht so einfach, wie man denken mag. Doch:

Schneller als die Tanne wächst,

drechsel ich noch in der Wanne Text.

 

Erste zwanghafte Entgleisungen ließen mein soziales Umfeld nachdenklich werden. Wenn ich meine Tochter zur Reitstunde väterlich-sentimental mit den Worten

nun fährt zum Stall die Maid raus,

denn sie ist uns're Reitmaus,

verabschiedete, gab es befremdetes Stirnrunzeln. „Sprechen wir bald nur noch in Reimen?“, bekam ich zu hören.

Kam ich begeistert mit einem neuen Reim zu meiner Familie, dann erntete ich eher selten Zustimmung oder gar Anerkennung.

Ein begeistertes

Am Dachfirst sind die Gauben lang.

Darunter ist ein Laubengang.

wurde zunächst mit einem „hä?“ kommentiert und dann: „Das ergibt doch keinen Sinn.“

Gauben lang, Laubengang“, antwortete ich dann Beifall heischend. „Ist'n Schüttelreim.“

Ja, macht aber gar keinen Sinn“, kam unbarmherzig die Antwort meiner Tochter.

Ist aber ein Schüttelreim.“

Macht aber trotzdem keinen Sinn, Papa.“

Das ist nicht einfach, einen Schüttelreim zu finden“, hob ich noch einmal an.

Ja, dann lass es doch!“, unterbrach sie mich.

Dann lass es doch... Da war es. Ich ging meiner Familie auf die Nerven.

Während Otto die ersten Nachlieferungen von Schüttelreimen noch lobte, ließ auch er irgendwann durchblicken, dass er Schüttelreime wohl nicht auf die Bühne bringen wolle.

Es war alles umsonst und ich ging meinen Liebsten auf die Nerven.

Naja“, sagte ich fatalistisch:

Wenn ich mal aus der Rolle tanz,

das braucht halt ganz viel Toleranz.“

Insgeheim dachte ich, dass es bei 26 Buchstaben im Alphabet ohnehin eine abgeschlossene Anzahl an Reimmöglichkeiten geben muss. Dann wird es bald vorbei sein und ich kann meinen Dual-Core da oben unter dem breiten Scheitel wieder für den Alltag und für andere Gedichte nutzen.

Mit dieser Annahme lag ich allerdings falsch. Es ging weiter. Tröstete ich mich erst noch mit einem

es waren stets die Widerlichen

vor denen Kunst und Lieder wichen,

lebte sich die Subroutine in meinen grauen Zellen ungebremst aus:

Da bleibt keine Backe heil,

kommt der Metzger mit dem Hackebeil.

 

Kanalarbeiter schichten Schlick,

sie lieben daher schlichten Schick.

 

Will die Sommersonne Prag toasten,

darfst mit Pilsner du am Tag prosten.

 

Am End' erstarb der Raucherhusten,

als aus der Lunge Haucher rußten.

 

Ich hör' schon, wie Susanne wimmert,

wenn des Föns Strom durch die Wanne simmert.

 

Trifft's an edlen Stücken mich,

tut besonders weh der Mückenstich.

Ich konnte es nicht mehr stoppen. Ich kann es noch immer nicht.

Und die Abgründe? Nun ja, ich bin ...hä-äm... auf einer dieser Seiten gelandet. Ihr wisst schon, solche Seiten halt, wo man für eine Handvoll Likes alles tut, wo sich 'Brust' auf 'Lust' reimt und 'stricken' auf 'nicken' und 'blicken'.

 

Wenn ich Euch einen Tipp geben darf:

Klug, wenn man gestalten will,

man hält innere Gewalten still.

Und zur Weihnachts-WM in Katar sag ich:

Auf den Gabentisch muss nix

außer Bier, Chips und Nuss-Mix.

Was bleibt, ist die Sehnsucht, wenn ich an Spock denke:

Seh' ich hinauf zu Sternenfeuern,

will ich in weite Fernen steuern.

 

Hallo! Kalle!

Was denn?

Du fängst ja schon wieder an...

Wie? Ach so, ja, sorry!

Halt' es aus,

altes Haus!

 

 

Apocalypse-Urlaub

 

Ihr wollt in den Urlaub fahren? Ja, wohin denn noch?

 

Ich weiß, Ihr lacht gern. Aber heute wird Euch das Lachen vergehen.

Es wird böse. Und wenn Euch auch so böse zumute ist wie mir, dann wird aus dem Lachen vielleicht ein Grinsen, natürlich ein böses Grinsen.

So böse wie die Welt dort draußen.

Es geht um Urlaub. Aber wo kann man, wo will man noch hin?

 

Doch raus muss man ja mal aus der Arbeit, dem Alltagswahn. Schließlich kommt man nicht erst am Strand ins Schwitzen, auch nicht erst, wenn man werbeumwoben neben Reiner Calmund im Flieger einsitzt.

Auch das Leben, aus dem wir immer wieder ausbrechen wollen, bringt uns täglich in Schweiß.

 

Wir jagen durch die Tage,

uns selbst und Euch zur Plage.

Zum guten Ton

zählt Marathon.

Karrierien jagen das Leben.

Boni als Ziel. Burnout gegeben.

Hetzen die Freizeit, das Goldene Kalb

- wir machen alles, und davon nichts halb -

schauen huldvoll hinab auf Hartz IV.

Discounterisiert? Das sind doch nicht wir.

Ziehen uns – zivilisiert – die Reißzähne

zerfleischen uns neidvoll als Kampfhähne.

Werbeumwoben.

Sinne betört,

der Geist zerstoben,

das Herz unerhört.

 

Werbeumwoben...

Nagelpilz, Scheidenpilz,

Hefepilz, Paulanerpils.

Ganz ohne Charme

Niveau im Darm.

Was knallt man uns noch vor den Latz?

Es gärt in mir, bis ich endlich platz'.

 

Ermahnt, entmannt, entmächtigt.

Quotenopfer! Gleich? Berechtigt?

Wieder vereinigt,

Banken gesteinigt.

Links herum,

rechts ganz dumm,

Ausländer raus,

brennendes Haus,

Leichenschmaus.

Ich muss hier raus!

 

Urlaubsziele.

Wünsche? So viele.

 

Werbeumwoben.

 

Wohin mit dem Geld?

In die Winde hoch droben,

hinaus in die Welt!

 

In den Orient?

Dahin wo's brennt?

In Tempeln Hass.

Krieg als Spaß.

Gottesglauben.

Blutende Tauben.

Dogma - behauptet.

Gott? Enthauptet.

 

Wer kann Kriegsnachrichten

in Evangelien umdichten?

 

Wann wird Religion

von der Genfer Konvention

als Massenvernichtungswaffe

verboten?

 

Wenn wir verzagt schwächeln,

hilf dann ein Thai-Lächeln?

 

Eine Insel mit zwei Bergen,

von Tsunamis überschwemmt,

bedient von Lächel-Zwergen,

ja, hier lebt sich's ungehemmt.

 

Massagen am Strand,

das Paradies syphig,

in Urlauberhand,

willenlos, griffig.

 

Abgründe?

 

Dicke Bäuche im Hemd

missbrauchen ungehemmt.

Bumsbomber, im Fadenkreuz Titten.

Borne-to-serve, versaute Sitten.

 

Weiter im Osten

Asiens Weisheit kosten?

 

My little China-Girl,

you should have danced with me.

 

Die chinesische Mauer

hinter der Fire-Wall.

Konfuzius trägt Trauer.

Das Lächeln wirkt hohl.

Die Freiheit ohne Kraft,

Mao wär' heute in Haft.

 

Ohne seinen Alltours sagt hier niemand mehr was.

 

Die Zoffjetunion lassen wir hier mal außen vor.

 

Also hin zu Löwen, Giraffen?

Dschungel, Savanne begaffen?

 

Wir lagen vor Madagaskar

und hatten Piraten an Bord.

Eine Kreuzfahrt macht Spaß, klar.

Und täglich sinkt ein Flüchtlingsboot.

 

Fliehen vor Hunger und Not.

Gott? Für sie lange tot.

War Afrika je so schwarz?

So tief in den Urlaubscharts?

Es stirbt im Urlaubspool.

Wer bleibt am Strand cool?

 

Also, werft herum das Ruder!

Kurs Westen, hin zum großen Bruder.

 

Oh, say can you see

by the dawns early light...

 

Das Land of the free?

Steht unter Waffen bereit.

Hollyday in the US?

Bist du weiß? Dann gibt's keinen Stress.

Weltpolizei im Desertstorm,

Ku-Klux-Klan trägt Polizeiuniform

Staaten im Terrorwahn.

Finger am Abzugshahn.

Von Diensten gecheckt,

Die Freiheit verreckt.

 

Land of the free

Oh no, not for me!

 

Darum ab ins Paradies!

Ist auch das nur noch mies?

 

Es gibt kein Bier auf Hawaii,

es gibt kein Bier...

 

Inseln in Plastik,

postkartenbunt,

Sturm zermalt Plastik hastig.

Flugzeuge am Meeresgrund.

Kreuzfahrten munter

flieh'n vor Piraten.

Inseln geh'n unter.

Paradiese? Verraten.

 

Bleibt die Festung EU,

Berge mit Lila Kuh.

Wo strahlt das Geld heller

als beim Tsipras-Teller?

Neben Reiner Calmund

wird der Flug doch erst rund.

Doch gibt’s sichere Flüge?

Unbestreikte Fernzüge?

 

Kein schöner Land in dieser Zeit...

 

Also, nähre dich redlich im Land!

Bleib heim am Ostseestrand!

 

Ist die Welt Euch ein Graus?

Bleibt Ihr endlich zuhaus'?

Dann kann ich allein raus.

Dann genieß' ich die Welt

dort, wo's mir noch gefällt:

 

Kanada, Neu Seeland...

 

 

 

 

04.06.2015  Das Thema war 'Haustiere'

Ich war nicht auf dem Damm, mein Beitrag aber trotzdem auf dem Slam

im Steininger beim 'Hammer Slammer'.

Alexander Schuller hat den Beitrag für mich gelesen und ihn auf den 2. Platz geslamt, wofür ich ihm - wieder einmal - zu Dank verpflichtet bin:

 

 

Mit Kaninchen auf den Hund gekommen

 

Wie war das eigentlich damals? Wie konnte es dazu kommen, dass ich mich darauf eingelassen hatte, für die Kinder Kaninchen zu kaufen? Wohlgemerkt, wir reden nicht von einem Grillabend, sondern von Haustieren.

Um die Erinnerung aufzufrischen bin ich dieser Tage mal wieder in eine Zoohandlung gegangen. Habe ich 'Zoohandlung' gesagt? Nun, das ist ein sehr altertümlicher Begriff. Zoohandlungen waren früher enge Geschäfte mit gestapelten Vogelkäfigen und Aquarien. Häuser wie 'Dehner', 'Fressnapf' und 'Futterhaus' dagegen empfangen den Tierhalter oder Tierhalter in spe mit weitläufigen Gängen voller Kratzbäume, Ställe für Kaninchen und Meerschweinchen, die einer Maisonnettewohnung im Altbau locker Konkurrenz machen. Im 'Futterhaus' umwabert den Besucher schon im Eingangsbereich der talgige Geruch von getrockneten Schweineohren, Ochsenziemern und was der Hundekaugummis mehr sein mögen. In all die Gerüche mischt sich das staubige Odeur von Katzenstreu, Spänen und Pellets, der Auslegeware für die modernen Habitate unserer wuscheligen Freunde.

Es sind wie so oft Gerüche, die Erinnerungen an früher wach rufen. Damals, als unsere Kinder ein Haustier wollten. Schon seinerzeit befremdeten mich all diese Tiere, die man in sein Haus holen sollte. Haustiere?

In meiner Kindheit gab es Hunde und allenfalls Katzen. Irgendwelche in der Stadt wohnenden Tanten hatten noch Kanarienvögel. Aber diese Guanolieferanten haben mich nie interessiert. Auf den Höfen umher gab es Nutztiere: Kühe, Schweine und Hühner. Für mich zählen heute noch Katzen eher zu den Nutztieren, denn die halten Mäuse und Ratten von Haus und Hof fern. Und eben diese Mäuse und Ratten gibt es nun neben Schlangen, Echsen und Vogelspinnen in den modernen Tierhandlungen zu erwerben. Sie sind dort nicht nur, um sie ekelerfüllt anzustarren, nein, man soll sie kaufen. Man soll dort Geld für Schädlinge ausgeben.

Normalerweise holt man sich den Kammerjäger, um solche ungebetenen Gäste loszuwerden. Demnächst kann man für Kakerlaken keine Mietminderung mehr verlangen, sondern muss sich mit dem Mieter über das unerlaubte Halten von Haustieren streiten.

Meine Lippe zog sich unterhalb meines linken Nasenflügels nach oben und verkrampfte sich angewidert.

Entspannter reagierte ich auf die vertrauteren zahllosen Aquarien. Die Kinder dort gaben sich offenbar nicht mit einer Tamagochi-App zufrieden. Obwohl, komisch war schon, dass Jungs am Glas standen und mit dem auf Smartphones geübten Fingerspreizen die kleinen Fische zu vergrößern suchten.

Diese Unterwasserlandschaften der bunten Riffbewohner sind heutzutage mit Schatzkisten, versunkenen Tempeln und Modellen von Schiffswracks aufgerüstet. Das lässt die Fische zwar kalt, regt aber offenbar die Fantasie der Betrachter an. Ich stelle mir vor, wie Opa Hein in Maatenuniform vor dem zweikubikmetergroßen Aquarium mit dem Modell der Bismarck am Meeresgrund sitzt, ein U-Boot zwischen den Fischen tauchen lässt und „das muss das Boot aushalten, Herr Kaleu“ ruft.

Unsere Kinder stürzten sich damals auf die Streichelzooabteilung mit Meerschweinchen und Hasen. „Nutztiere“, dachte ich erneut. Meerschweinchen fressen bei Indios in den Anden Küchenabfälle und werden dann bei Schlachtreife gegrillt. Ähnlich haben unsere Eltern die Nachkriegszeit mit sogenannten 'Stallhasen' überstanden.

Für michkam als Haustier nie etwas anderes in Betracht als ein Hund. Ich liebe Hunde und weiß um die vielfältigen Vorteile der Hundehaltung. Nein, nicht die chinesischen Gründe, so sehr bin ich nun wieder nicht auf den Hund gekommen. Da würde ja der Hund in der Pfanne verrückt. Hundserbärmlich so ein Gedanke!

Hunde sind die ältesten Haustiere und seit Jahrtausenden die treuen Gefährten des Menschen. Von Wölfen haben wir uns abgeschaut, in Gruppen zu jagen. Vielleicht haben wir auch einiges von ihrem Sozialverhalten übernommen, als wir sie zu Hunden domestizierten.

Hunde haben irgendwie immer zu meinem Leben gehört. Ich habe, bis ich zum Bund musste, die ersten beiden Lebensjahrzehnte immer mit Hunden zugebracht. Bei jedem Wetter, selbst wenn man keinen Hund vor die Tür jagte, habe ich Zeitungen ausgetragen und mich von Dackeln und Pudeln beißen lassen. Die Dackel, wo wir gerade von der Jagd in Gruppen sprachen, kamen zu zweit von vorn und ließen sich streicheln. Als ich dazu in die Hocke ging, stürmten drei weitere Dackel von hinten auf mich zu und verbissen sich in meinem Rücken.

Der Pudel von Frau Knorr schnappte einfach so zu, wenn sie ihn auf dem Arm hielt und mich ermunterte, den Kläffer doch ruhig einmal zu streicheln. Zu meiner blutenden Hand hatte sie nicht mehr übrig als ein erstauntes: „Das hat er noch nie gemacht.“ Und es klang irgendwie vorwurfsvoll.

Der Basoy auf dem Gudehushof mochte mein Mofa nicht und lauerte mir immer hinter einem der Ställe auf. Wenn ich den Gashebel schon fast durchgezogen hatte, stürmte er seitlich auf mich zu. Basoys sind russische Windhunde und können mit einem Mofa in der Beschleunigungsphase locker mithalten. Dazu sind sie kalbsgroß und ebenso locker in der Lage, einen mit ihren langen Hundeschnautzen im Laufen vom Sattel zu beißen. Ich sehe noch heute wie in Zeitlupe das vom Wind zurück wehende Fell, die in weiten Schwüngen nach vorn geworfenen Beine und das aufgerissene Maul mit den spitzen Zähnen. Mir blieb dann jedes Mal nur, mich auf die hundeabgewandte Pedale zu stellen und mit dem freien Fuß gegen die zuschnappenden Kiefer zu treten.

Trotzdem, ich liebe Hunde.

Unser erster Hund, Mucki, war ein spitzgedackelter Bernhardudel. Er hat meinen Kinderwagen bewacht und mich altersschwach bis ins Schulalter begleitet. Der Redewendung 'treu wie ein Hund' hat damals diese Promenadenmischung Leben eingehechelt.

Foxi, unser schöner rot-brauner Langhaardackel, wurde uns geklaut. Ich fühlte mich hundeelend, wie ein geprügelter Hund.

Bis wir den nächsten Vierbeiner geschenkt bekamen, Bonnie. Auf dem Dorf gab es immer mal einen Wurf und niemand kam auf den Gedanken, für einen Hund Geld auszugeben, schon gar nicht so viel wie für die heutigen Statussymbole mit Hüftgelenksdisplasie, diese überzüchteten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Tierärzte.

Bonnie war mein langjähriger Gefährte, eine Mischung aus Schäferhund und schwarzem Labrador, ein schwarz glänzender Riesenrüde, der so manchen Staubsaugervertreter schon am Zaun umkehren ließ, zumindest nachdem ich Bonnie das Knurren und Zähnefletschen auf Handzeichen beigebracht hatte. Dabei war er eine Seele von einem Hund und wusste gar nicht, was Beißen ist. Wenn der Spruch 'der tut nichts, der will nur spielen' je auf einen Hund zutraf, dann auf Bonnie. Aber das wusste ja niemand. Bonnie war so groß, dass er mir, die Vorderpfoten auf meine Schultern, in die Augen sehen konnte. Gut, das klingt bei mir jetzt nicht so beeindruckend, aber er war schon sehr groß und von unbändiger Kraft. Er hörte aufs Wort, nur nicht, wenn eine Hündin im Dorf läufig war. Dann schlich er sich abends schon einmal, schwarz wie er war, im Schlagschatten der großen Birke vor unserem Haus bis zum Zaun, den er federleicht übersprang. Ein gerissener Hund.

Ich war ziemlich glücklich über diesen vierbeinigen Gefährten und er begleitete mich bis ins Erwachsenenalter, bis ich meine Frau kennenlernte. Wir rätseln heute noch, ob wir ohne ihn zusammengekommen wären. War es die Freude über mich oder über den Hund, die sie lächeln ließ? Galt das überschwängliche Felldurchwuscheln nur dem Hund, oder war es eine Übersprungshandlung? Jedenfalls berührten sich irgendwann nicht nur unsere Hände wie zufällig beim Fellkraulen.

Es sind schöne Erinnerungen, die auch heute noch sehnsuchtsvoll den Wunsch nach einem Hund wach halten. Was hat schließlich mehr Würde als die tiefe und ehrliche Beziehung zwischen Hund und Herrchen.

Warum sagt man eigentlich 'Herrchen' und nicht 'Herr'? Aber man sagt ja auch 'Kaninchen' und nicht 'Kanin'.

Womit wir wieder bei den Kindern sind. Die wollten ein Kaninchen.

Ich verkniff mir mannhaft den Hinweis, dass ich Kaninchen nur vom portugiesischen Restaurant am Hafen kannte und dort schon nicht mochte. Von meiner Mutter weiß ich, dass man Kaninchen am besten in Buttermilch einlegt, damit das Fleisch zarter und schmackhafter wird. Aber diesen Geheimtipp kannten die nicht.

Ansonsten sind diese Osterhasendoubles ja ganz niedlich? Süß, klar doch, sooo süß, wuschelig auch, ja-a-a. Aber kann man mit Kaninchen spazierengehen? Apportieren üben? Toben? Kuscheln? Kommen Kaninchen an und drängen sich an einen, zeigen einem ihre Zuneigung? Nein, Kaninchen sind Fluchttiere, Futter für Greifvögel und Füchse, in schlechten Zeiten auch für Nachkriegshungerleider. Kaninchen haben Angst und kommen nur dann zu dir, wenn Du ihnen eine Möhre hin hältst.

Aber kann man Kinderaugen mit Dackelblick einen Nager versagen? Papa, der Versager. Das würde schon an einem nagen.

Kurze Zeit später hatten wir dann zwei Kaninchen. Bobby, das Männchen, um das Wort Bock oder Rammler zu vermeiden, war kastriert. Karnickel haben da so ein gewisses Image, das mir angst machte. Männliche Solidarität hin oder her, mir war bei einem kastrierten Hasen einfach wohler. Sandy, das Weibchen, verstand davon natürlich nichts und besprang den armen phlegmatischen Kerl immer mal wieder, ganz so als wenn sie ihm zeigen wollte, wo es lang ging. Bobby war dann regelmäßig ein zeitlang verstört. Ansonsten waren die Fellknäuel mit kauen, verdauen und weiter mümmeln beschäftigt. Tonnen von Gemüse haben die beiden in schwarze Kugeln verwandelt.

Falls Paintballspieler mal auf Öko umsteigen sollten, wüsste ich die passende Munition. Ohne diese Vermarktungsidee blieb das Auswechseln der Stoffwechselprodukte gegen Pellets und frisches Stroh jedoch an uns Eltern hängen.

Wenn die Kaninchen zurück in den Stall sollten, hatten sie bereits Möbel angeknabbert und rannten durch die Wohnung. Hasenjagd war angesagt. Während Bobby bald aufgab und in den Stall sprang, schlug Sandy wütend mit ihren Hinterpfoten auf den Boden und biss wie der Pudel von Frau Knorr nach uns. Gut, dass wir von Wölfen das Jagen in Gruppen gelernt haben.

Bobby war insgesamt durch wenig aus der Ruhe zu bringen. Wenn Sandy ihn allerdings wieder einmal hernahm, wurde sie gelegentlich scheinschwanger. Sie baute dann aus Stroh und Fellbüscheln ein Nest in eine Ecke des Stalls. Für Bobby wäre auch das in Ordnung gewesen, wenn sie nicht angefangen hätte, ihm dafür Fell auszureißen. Das waren die einzigen Momente, wo wir den Guten in Rage erlebten. Dann jagte er sie durch den Stall, dass die Pellets nur so durch das Zimmer flogen.

Ich weiß nicht, ob es dieser Stress war, aber Bobby musste irgendwann eingeschläfert werden.

Umpah-Pah der große Krieger der Wascha Wascha, hätte ihn gewiss mit den Worten „möge Nanaboso, das Große Kaninchen, mit dir sein“ in die ewigen 'Gejagtwerdengründe' verabschiedet.

Unter Verstoß gegen das Tierkörperbeseitigungsgesetz bestatteten wir ihn dann im Garten.

Sandy blieb uns noch ein paar Jahre lang als Single erhalten, bis sie ihm auf unseren 'Friedhof der Kuscheltiere' folgte.

Komm schon! Du fandest die Hasen doch auch ganz niedlich“, bekam ich öfters zu hören. Und ich antwortete brav wie Bobby: „Ja doch, sicher.“ Wer will sich schon für eine begrabene Hoffnung auf einen Hund das Fell rupfen lassen?

Bin ich mit meinem Schicksal versöhnt, wenn ich früh-morgens auf dem Weg zur Arbeit diese freudlosen Schatten mit Hunden durch die Dunkelheit schleichen sehe?

Nein, aber ich werde den Wunsch auf einen Hund wohl auf das Rentenalter verschieben. Dann könnt ihr mich 'Slam-Dog-Pensionär' nennen, oder ganz einfach 'Slam-Pa'.

 

 

Kaum habe ich die Glosse am 02.12.2015 beim Poetry Slam in der 'Mathilde' vorgetragen, haut Mark Zuckerberg sein Geld raus.
Ich sag's ja immer: Die Macht des Wortes...

 

Freiheit in der Oligarchie?

 

Freiheit? Klar die gibt es noch, zum Beispiel in der freien Marktwirtschaft. Freidemokraten, die gibt es auch, jedenfalls Ex-Liberale.
...und 'Brot und Spiele'.
Obwohl, ich rege mich nicht mehr auf. HB-Männchen war gestern?
Für mich ist das kein Thema mehr, das mit dem Aufregen. Alles easy.
Ich bleibe ruhig, gelassen.
Oh, wack'rer Apotheker, dein Trank wirkt gut.
Der tägliche Gang durch den Hauptbahnhof auf dem Weg zur Arbeit. Kein Grund zur Aufregung. Die paar Bodychecks, na und? Einfach weitergehen. Wenn ich da jedes Mal 'Ey, du A...rmleuchter' sagen würde, käme ich ja gar nicht mehr voran.
Radfahrer, die einen bei grüner Fußgängerampel von fünf verschiedenen Seiten abschießen. Alles in Ordnung. Man schimpft viel zu sehr über Radfahrer in Hamburg. Die verhalten sich ökologisch korrekt. Die haben jedes Recht, sich jedes Recht zu nehmen.
Das gilt auch für die Radfahrer in der Firma, die nach oben buckeln und nach unten treten. Na und? Da muss man Verständnis haben. Das sind halt schwache Seelen mit 'ner Erektionsstörung im Rückgrat, die können nicht anders.

Aber was mich wirklich aufregt, ist Unfreiheit, Ungerechtigkeit. Neudeutsch nennt man das 'Gerechtigkeitslücke'. So 'ne klitzekleine Lücke halt. Das Leben ist ja auch kein Ponyhof.

 

Das mit der Unfreiheit ging früher mit den Geschwistern los, setzte sich in der Schule mit den Lehrern fort. Vom 'Bund' wollen wir gar nicht reden. Schließlich landet man dann in der freien Marktwirtschaft.
Dafür, dass das alles so frei bleibt, haben wir das Grundgesetz. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland? - Grundgesetz - Verfassung dürfen wir ja nicht sagen. Verfassungen haben freie Länder.
Dabei geht alle Macht vom Volke aus. Steht so in der Präambel zum Grundgesetz.
Da gehört der damals nicht ganz so freie Osten jetzt endlich auch dazu. Seitdem rufen die immer: „Wir sind das Volk.“ Jedenfalls die Zurückgebliebenen, also die vor Ort Zurückgebliebenen. Ja doch, und auch nur diejenigen, die heute ihre geistige Notdurft montags auf der Straße erledigen und von Macht träumen und nicht mehr so sehr von Demokratie.

Das Grundgesetz ist inzwischen im Grunde Comedy. Das fängt bei Artikel 1 an: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Von freier Entfaltung der Persönlichkeit, steht da auch was.
In Artikel 6 Abs. 1 Grundgesetz dagegen steht, dass die Ehe unter dem besonderen Schutz des Staates steht. Ja was nun? Freie Entfaltung der Persönlichkeit? Menschenwürde? Oder Ehe?
Artikel 10 Abs. 1 GG: Das Brief- Post und Fernmeldegeheimnis sind unverletzlich. Ja, klar doch. Das haben die damals geschrieben als es noch keine Computer, Handys oder Facebook gab.
Artikel 3 Abs. 1 GG: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Ja, das ist nun wirklich jedermanns Alltagserfahrung. Man muss nur an das Wartezimmer beim Arzt denken. Und die Steuer? Gehen Sie mal zum Finanzamt und sagen: „Ich beantrage steuerliche Privilegien, sonst verlege ich meine Arbeitskraft ins Ausland.“ Klappt totsicher.
Aber jetzt kommt's. Mein Lieblingsgesetz überhaupt. Der kürzeste Satz in einem Gesetzestext, den ich je gelesen habe. Vielleicht findet der ja deswegen so wenig Beachtung, Eben, weil der so kurz ist. Artikel 14 Abs. 2 Satz 1 GG: 'Eigentum verpflichtet.' Kein redaktioneller Fehler, nicht etwa 'Eigentum verzichtet', oder besser 'Eigentum vernichtet'. Nein: 'Eigentum verpflichtet'. Und gleich dahinter in Satz 2, weil das ist ja nicht sofort verständlich ist: 'Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.'
Tolle Sache! Damals.
Das Ganze nannte sich mal 'soziale Marktwirtschaft'. Die Älteren unter uns erinnern sich noch. Ist 'n bisschen unter die Räder gekommen, seit die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander driftet und die Discounterisierung der Gesellschaft voranschreitet. Discounterisierte Gesellschaft...


Auf der anderen Seite gibt es 10 Familien in Deutschland, die 150 Milliarden Euro auf sich vereinen. Das sind Größenordnungen, da kriegt Schäuble Speichelfluss.
Eine Milliarde, das sind wohlgemerkt 1.000 Millionen Tacken. Also 31.000 Millionäre allein in der Familie Quandt. Muss 'ne ganz schön große Familie sein. Irgendwas in der Größenordnung zwischen Ahrensburg und Großhansdorf. Aber so viele Millionäre gibt es selbst da nicht. 31 Milliarden. Ich hab' das hier in Buchstaben geschrieben, damit ich mich mit den Nullen nicht vertue. 2014 waren es noch nur 26 Milliarden. Irgendwas mache ich falsch mit meinen paar Kröten.
Man stelle sich mal vor, was die Griechen mit dem Batzen machen würden.
Es ist dermaßen grotesk, dass man sich die Augen reibt und noch mal ins Grundgesetz schaut: 'Eigentum verpflichtet'? Geht’s noch?
Arbeitslose, Obdachlose, Rubbellose – für ein bisschen Hoffnung.


Aber, hey, da ein Missverhältnis zu erblicken, das ist doch blanker Sozialneid, oder?
Schließlich werden die 'bold and beautiful people' ja nicht müde, zu versichern, dass sie die Leistungsträger sind. Stimmt, sie tragen schwer... an den Leistungen... anderer.
Man würde es sich dabei vehementest verbitten, nicht als sozial zu gelten. Schließlich gibt es kaum einen Ball ohne Tombola für soziale Zwecke. Zwar reicht das nicht ganz an den Heiligen Martin heran, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte, aber das gute Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, scheint nachhaltig zu sein. Wer mehr tun will, geht zu Wohltätigkeitsgalas. Da ist man ist unter sich. Und wem mal so richtig mildtätig zumute ist, der organisiert solche Galas und kommt damit in gleichnamige Hochglanzblätter, oder kann sich wohl gestylt bei der Übergabe von Spendenschecks im Fernsehen bewundern lassen. Dagegen ist der spätmittelalterliche Ablasshandel, also das Reinwaschen von Sünden gegen Geld, wahrhaft altertümliches Hinterhofdealen mit der Angst vor dem Jenseits.
Nun ist gegen Wohltätigkeit nicht das Geringste einzuwenden. Schließlich verschafft Charity himmlisches Wohlgefühl schon im Diesseits, sozusagen Wellness für die Seele im Blitzlichtgewitter der breiten Öffentlichkeit, Heiligenschein inklusive.
Apropos heiliger Schein. Von der Kirche wollte ich eigentlich gar nicht anfangen. Aber ist es nicht bei Tebarz von Elzt, der das 'Gleichnis vom reichen Jüngling' in die Welt getragen hat, in dem Jesus sagt, eher gehe ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt?

Aber wir sind ja immer noch bei den 150 Milliarden, zu denen solche Hungerleider wie der Chef von 'Lidl' zählen, der so bei 14,5 Milliarden herum krebst. Und da heißt es doch: 'Lidl lohnt sich'. Nicht mal halb so viel wie die Quandts. armer Kerl!
Die Top-Fivehundred der reichsten deutschen Familien gehen sogar bis auf das Niveau, wenn man da noch von Niyeau sprechen kann, von nur 200 Millionen runter. Man stelle sich vor, Frau König von der Köpi-Brauerei, so um und bei 250 Mio schwer, ist bei Friede Springer eingeladen, Milliardärin ihres Zeichens. Da kommt glatt in Panik auf. Der Gedanke würde mich irgendwie trösten, wenn die auch vor ihrem Kleiderschrank jammert: „Ich hab' gar nichts anzuziehen....“
Geld wurde mal erfunden, um das Tauschen einfacher zu machen. Geld ist zum Ausgeben da, nicht zum Horten. Also, Frau König, ab zum Shoppen! Ab zu Horten!

 

Das Grundgesetz, in Stein gemeißelte Garant für Gerechtigkeit in unserer Gesellschaft, hatte aber keine Sozialneiddebatte im Visier, sondern den volkswirtschaftlichen Blick auf Teilhabe und damit letztlich eine langfristig prosperierende Wirtschaft. Vielleicht war dieser Gedanke des gerechten Teilens ja nicht nur christlich, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll.
Wenn man wenigstens die gierige Umverteilung von unten nach oben bleiben ließe, wären sogar Charity-Almosen überflüssig.

 

Und was hat das mit dem Thema 'Freiheit' zu tun?
In der Demokratie, haben wir gelernt, geht alle Macht vom Volke aus, aktuell von Teilen davon, also von den Teilen, die vom Teilen nichts halten.
In einer Oligarchie dagegen, also der Herrschaft der Reichen, geht nicht mehr alle Macht vom Volke aus. Die Demokratie ist da wenigstens noch Fassade.
Das Problem hatte Ralf Dahrendorf schon vor 50 Jahren erkannt.
Ein FDP-ler. Ausgerechnet. Aber das war damals, als die FDP noch nicht die Speerspitze des BDI war, die Jesuiten der ungezügelten Marktwirtschaft. Die könnte jetzt ihren Ralf Dahrendorf mal wieder entdecken, denn hat schon damals gesagt: „Die Gefahr, die von der Wirtschaft für die Freiheit ausgeht, ist nicht geringer als die, die vom Staat ausgeht.“

Also, ein kleiner T-Tipp am Rande: Die Gefahr für die Freiheit kommt nicht allein von den Kräften, von denen man immer in den Nachrichten hört und liest, - Erdogan, Putin, NSA, CSU, IS - sie kommt auf leisen und nicht wirklich samtigen Pfoten von der wachsenden Marktmacht immer weiter fusionierender Konzerne. Und mit jeder Fusion werden Arbeitnehmer und Konsumknechte rechtloser und unfreier.

 

Wenn einmal Tebartz von Elzt seinen goldenen Löffel bei der Armenspeisung schwingt, der Papst nicht nur verbales Opium fürs Volk absondert, sondern den Armen von den 270 Milliarden etwas abgibt, die allein die katholische Kirche haben soll, wenn die Politik den Augiasstall des Lobbyismus im Reichstag einmal ausmistet, wenn Sklaverei nicht mehr in die Armenhäuser und Kinderhände der globalisierten Welt outgesourced wird, Muslime, Christen und Juden die Zehn Gebote gar wieder für sich entdecken, dann wird vielleicht auch das Grundgesetz wieder einmal gelebt.
Dann klappt's auch mit der Menschenwürde.

 

Man wird ja mal träumen dürfen.

Der Kotten-Slam vom 12.05.2017 in Siek brachte den 4. Platz

 

Mit Kaninchen auf den Hund gekommen

 

 

 

Wie war das eigentlich? Wie konnte es dazu kommen, dass ich für die Kinder Kaninchen kaufte? Wohlgemerkt als Haustiere, nicht für einen Grillabend.

 

Um die Erinnerung aufzufrischen bin ich mal wieder in eine Zoohandlung gegangen. 'Zoohandlung'? Nun, das ist ein sehr altertümlicher Begriff. Zoohandlungen waren früher enge Geschäfte mit gestapelten Vogelkäfigen und Aquarien. Moderne Häuser empfangen den Tierhalter in spe mit weitläufigen Gängen voller Ställe für Kaninchen und Meerschweinchen, die einer Maisonnettewohnung im Altbau locker Konkurrenz machen. Schon im Eingangsbereich umwabert einen der talgige Geruch von getrockneten Schweineohren, Ochsenziemern und was der Hundekaugummis mehr sein mögen. Darein mischt sich das staubige Odeur von Katzenstreu und Pellets, der Auslegeware für die modernen Habitate unserer wuscheligen Freunde.

 

Es sind wie so oft Gerüche, die Erinnerungen an früher wach rufen. Damals, als unsere Kinder ein Haustier wollten. Schon seinerzeit befremdeten mich all diese Tiere, die man in sein Haus holen sollte. Haustiere?

 

In meiner Kindheit gab es Hunde und Katzen. Irgendwelche in der Stadt wohnenden Tanten hatten noch Kanarienvögel. Aber diese Guanolieferanten haben mich nie interessiert. Auf den Bauernhöfen gab es Nutztiere: Kühe, Schweine und Hühner. Katzen zähle ich zu den Nutztieren, denn die halten Mäuse und Ratten von Haus und Hof fern.

 

Und eben diese Mäuse und Ratten gibt es nun - neben Schlangen, Echsen und Vogelspinnen - in den Tierhandlungen zu erwerben. Sie sind dort nicht, um sie geekelt anzustarren, nein, man soll sie kaufen. Man soll Geld für Schädlinge ausgeben.

 

Normalerweise holt man sich den Kammerjäger, um solche ungebetenen Gäste loszuwerden. Demnächst muss man sich bei Schädlingsbefall mit dem Vermieter über das unerlaubte Halten von Haustieren streiten.

 

Deutlich entspannter reagierte ich auf die zahllosen Aquarien. Die Kinder dort gaben sich offenbar nicht mit einer Tamagochi-App zufrieden. Obwohl, komisch war schon, dass Jungs am Glas standen und mit dem auf Smartphones geübten Fingerspreizen die Fische zu vergrößern suchten.

 

Aquarien sind heutzutage aufwändig gestaltet, mit Schatzkisten, versunkenen Tempeln und Schiffwracks. Das lässt die Fische zwar kalt, regt aber wohl die Fantasie der Betrachter an. Ich stelle mir Opa Hein vor, wie er in Maatenuniform ein U-Boot zum Modell der Bismarck tauchen lässt und „das muss das Boot aushalten, Herr Kaleu“ ruft.

 

Unsere Kinder stürzten sich damals auf die Meerschweinchen und Hasen. „Nutztiere“, dachte ich erneut. Meerschweinchen fressen bei Indios Küchenabfälle und werden bei Schlachtreife gegrillt. Ähnlich haben unsere Eltern die Nachkriegszeit mit sogenannten 'Stallhasen' überstanden.

 

Für mich kam als Haustier nie etwas anderes in Betracht als ein Hund. Ich liebe Hunde und weiß um die Vorteile der Hundehaltung. Nein, nicht die chinesischen Gründe, so sehr bin ich nun wieder nicht auf den Hund gekommen. Da würde ja der Hund in der Pfanne verrückt.

 

Nein, Hunde sind die ältesten Haustiere und treuen Gefährten des Menschen. Von Wölfen haben wir uns abgeschaut, in Gruppen zu jagen. Vielleicht haben wir auch einiges von ihrem Sozialverhalten übernommen, als wir sie domestizierten.

 

Ich habe die ersten beiden Lebensjahrzehnte immer mit Hunden zugebracht. Bei jedem Wetter, selbst wenn man keinen Hund vor die Tür jagte, habe ich Zeitungen ausgetragen und mich von Dackeln und Pudeln beißen lassen. Die Dackel, wo wir von der Jagd in Gruppen sprachen, kamen zu zweit von vorn und ließen sich streicheln. Als ich dazu in die Hocke ging, stürmten drei weitere Dackel von hinten heran und verbissen sich in meinem Rücken.

 

Der Pudel von Frau Knorr schnappte zu, als sie ihn auf dem Arm hielt und mich ermunterte, den Kläffer doch ruhig einmal zu streicheln. Zu meiner blutenden Hand hatte sie nicht mehr übrig als ein erstauntes: „Das hat er noch nie gemacht.“ Und es klang irgendwie vorwurfsvoll.

 

Der Basoy auf dem Gudehushof mochte mein Mofa nicht und lauerte mir immer hinter einem der Ställe auf. Wenn ich den Gashebel schon fast durchgezogen hatte, stürmte er seitlich auf mich zu. Basoys sind russische Windhunde und können mit einem Mofa in der Beschleunigungsphase locker mithalten. Sie sind sie kalbsgroß und ebenso locker in der Lage, einen mit ihren langen Hundeschnautzen im Laufen vom Sattel zu beißen. Ich sehe noch heute wie in Zeitlupe das vom Wind zurückwehende Fell, die in weiten Schwüngen nach vorn geworfenen Beine und das aufgerissene Maul mit den spitzen Zähnen. Mir blieb dann jedes Mal nur, mich auf die hundeabgewandte Pedale zu stellen und mit dem freien Fuß gegen die zuschnappenden Kiefer zu treten.

 

Trotzdem, ich liebe Hunde.

 

Unser erster Hund, Mucki, war ein spitzgedackelter Bernhardudel. Er hat meinen Kinderwagen bewacht und mich bis ins Schulalter begleitet. Der Redewendung 'treu wie ein Hund' könnte glatt diese Promenadenmischung Leben eingehechelt haben. Als er starb fühlte ich mich hundeelend, wie ein geprügelter Hund.

 

Bis wir den nächsten Vierbeiner geschenkt bekamen, Bonnie. Auf dem Dorf gab es immer mal einen Wurf und niemand kam auf den Gedanken, für einen Hund Geld auszugeben, schon gar nicht so viel wie für die Statussymbole mit Hüftgelenksdisplasie, diese Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Tierärzte.

 

Bonnie war mein langjähriger Gefährte, eine Mischung aus Schäferhund und Labrador, ein schwarz glänzender Riesenrüde, der so manchen Staubsaugervertreter schon am Zaun umkehren ließ, zumindest nachdem ich ihm das Zähnefletschen auf Handzeichen beigebracht hatte. Dabei war er eine Seele von einem Hund. Er wusste gar nicht, was Beißen ist. Wenn 'der tut nichts, der will nur spielen' je auf einen Hund zutraf, dann auf Bonnie. Aber das wusste ja niemand. Bonnie konnte mir, die Vorderpfoten auf meine Schultern gestellt, in die Augen sehen konnte. Gut, das klingt bei mir jetzt nicht so beeindruckend, aber er war groß und von unbändiger Kraft. Er hörte aufs Wort, nur nicht, wenn eine Hündin im Dorf läufig war. Dann schlich er sich abends, schwarz wie er war, im Schlagschatten der großen Birke vor unserem Haus bis zum Zaun, den er federleicht übersprang. Ein wirklich gerissener Hund.

 

Dieser treue vierbeinige Gefährte begleitete mich bis ins Erwachsenenalter, bis ich meine Frau kennenlernte. Wir rätseln heute noch, ob wir ohne ihn zusammengekommen wären. War es die Freude über mich oder über den Hund, die sie lächeln ließ? Galt das überschwängliche Felldurchwuscheln nur dem Hund, oder war es eine Übersprungshandlung? Jedenfalls berührten sich irgendwann unsere Hände wie zufällig beim Fellkraulen.

 

Es sind schöne Erinnerungen, die noch heute sehnsuchtsvoll den Wunsch nach einem Hund wach halten. Was hat schließlich mehr Würde als die tiefe und ehrliche Beziehung zwischen Hund und Herrchen?

 

Warum sagt man eigentlich 'Herrchen' und nicht 'Herr'? Aber man sagt ja auch 'Kaninchen' und nicht 'Kanin'.

 

Womit wir wieder bei den Kindern sind. Ich verkniff mir den Hinweis, dass ich Kaninchen schon im portugiesischen Restaurant nicht mochte.

 

Ansonsten sind diese Osterhasendoubles ja ganz niedlich? Süß, klar doch, sooo süß, wuschelig auch, ja-a-a. Aber kann man mit Kaninchen spazierengehen? Apportieren üben? Toben? Kuscheln? Kommen Kaninchen an und zeigen einem ihre Zuneigung? Nein, Kaninchen sind Fluchttiere, Futter für Greifvögel und Füchse, in schlechten Zeiten auch für Nachkriegshungerleider.

 

Aber kann man den Dackelblicken der Kinder einen Nager versagen? Papa, der Nagerversager. Das würde schon an einem nagen.

 

Kurze Zeit später hatten wir zwei Kaninchen. Bobby, das Männchen, um das Wort Bock oder Rammler zu vermeiden, war kastriert. Karnickel haben da so ein gewisses Image, das mir angst machte. Männliche Solidarität hin oder her, mir war bei einem kastrierten Hasen einfach wohler. Sandy, das Weibchen, verstand das nicht und besprang den armen phlegmatischen Kerl immer mal wieder, ganz so als wenn sie ihm zeigen wollte, wo es lang ging. Bobby war dann regelmäßig ein zeitlang verstört. Ansonsten waren die Fellknäuel mit kauen, verdauen und knabbern und mümmeln beschäftigt. Tonnen von Gemüse haben die beiden in schwarze Kugeln verwandelt.

 

Das Auswechseln der Stoffwechselprodukte gegen Pellets und frisches Stroh blieb erwartungsgemäß an uns Eltern hängen.

 

Wenn die Kaninchen zurück in den Stall sollten, hatten sie bereits Möbel angeknabbert und rannten durch die Wohnung. Hasenjagd war angesagt. Gut, dass wir von Wölfen das Jagen in Gruppen gelernt haben.

 

Bobby war durch wenig aus der Ruhe zu bringen. Sandy hingegen wurde gelegentlich scheinschwanger. Sie baute dann ein Nest in eine Ecke des Stalls. Für Bobby wäre auch das in Ordnung gewesen, wenn sie nicht angefangen hätte, ihm dafür Fellbüschel auszureißen. Das waren die Momente, wo wir den Guten in Rage erlebten. Dann jagte er sie durch den Stall, dass die Pellets nur so flogen.

 

Ich weiß nicht, ob es dieser Stress war, aber Bobby musste irgendwann eingeschläfert werden. Wir mussten ihn in die ewigen 'Gejagtwerdengründe' verabschieden.

 

Unter Verstoß gegen das Tierkörperbeseitigungsgesetz bestatteten wir ihn im Garten.

 

Sandy blieb uns noch ein paar Jahre lang als Single erhalten, bis auch sie ihm auf unseren 'Friedhof der Kuscheltiere' folgte.

 

 

 

Komm schon! Du fandest die Hasen doch auch ganz niedlich“, bekam ich öfters zu hören. Und ich antwortete brav wie Bobby: „Ja doch, sicher.“ Wer will sich schon für eine begrabene Hoffnung auf einen Hund das Fell rupfen lassen?

 

Den Wunsch auf einen Hund muss ich wohl auf das Rentenalter verschieben. Dann könnt ihr mich 'Slam-Dog-Pensionär' nennen, oder einfach 'Slam-Pa'.

 

Ownbooks Bücher und E-Books von Karl-Heinz Föste

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Bei Facebook finden sich übrigens etliche Beiträge von mir, die unentgeltlich verkonsumiert und geteilt werden können!

Aphorismen, Gedichte und Glossen umsonst. Wo gibt es das noch!?

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NEWS

Für den Fall, dass fremde Federn doch schmücken sollten: Mein Co-Autor für den Bereich Psychologie und Psychosomatik, Dr.med., Dipl.Psych. Reinhard J. Boerner hat nach seiner Habilitation den Ruf zur Professur an der Sigmund-Freud-Universität in Wien erhalten und ist nun Prof. Reinhard J. Boerner.

https://www.randomhouse.de/ebook/Wenn-das-Herz-nicht-mehr-Schritt-haelt/Karl-Heinz-Foeste/Koesel/e445562.rhd

Bestsellerliste     https://www.20bestseller.de/herzinfarkt-test/

Und wieder ein begeisternder Artikel über das Herzbuch, dieses Mal im Stormarner Tageblatt:

http://www.shz.de/lokales/stormarner-tageblatt/die-rueckkehr-ins-leben-id14309041.html 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

LESUNG 

'DER HADESPLAN'

am 18.07.2019

um 19:30 Uhr

https://de-de.facebook.com/events/639500143218968/

Freut Euch drauf!

 

Übrigens: Meine bisherigen Poetry-Slam-Beiträge finden sich oben unter Poetry Slams